Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/18
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
|
|
Die Erscheinungen der Zeit finden ihren Schlüssel im Wesen und Zustand der Gesellschaft. Wie glänzend oder wie groß, wie stark oder wie trotzig, wie widerlich oder wie fade sie auch aussehen mögen, alle haben doch nur eine Quelle als Ursprung und ein Steuer, dem sie gehorchen: die socialen Verhältnisse und die Ideen, welche dieselben beherrschen. Das Kulturleben, ausgehend von einem Punkte, wie die Ringwellen des Wassers durch den geworfenen Stein, drängt sich hinaus in immer größere Kreise. Jedes Ende ist zugleich ein Anfang und hinter jeder untergehenden Gesittung steigt die Morgendämmerung einer neuen herauf. Die griechische ist hinweggeschmolzen mit ihrer Herrlichkeit, als wäre es Eis gewesen bis auf wenige Ueberreste; die römische, ihre Tochter, ist ein Trümmerhaufe, und auch die europäische der Neuzeit wird in den Abgrund sinken. Wie die Natur die neuen Kontinente aus den Ruinen der älteren aufgebaut hat, wie sie die neuen Geschlechter aus der Zersetzung der vorhergegangenen ernährt, wie junge Völker und Reiche an die Stelle der alten treten, wie die modernen Künste die alten ersetzen, wie neue Erfindungen, Fertigkeiten und Anwendungen die früheren verdrängen und unnütz machen, so steigen auch von Zeitraum zu Zeitraum neue Kulturformen auf den Ruinen der älteren empor. Das, was sich der organischen Verwandlung hemmend entgegenstemmt, sey es Staat, Gesetz, Kunstregel, Sitte, Religionen, wird zerbrochen: – denn das Streben zum Neugestalten duldet keine Fesseln, größer der Widerstand ist, desto größer ist seine Kraft und wo ihm eine allmählige Entwickelung nicht zugelassen ist, wird es durch Umwälzungen und Revolutionen siegen.
Doch der gewöhnliche Verlauf des Kulturlebens ist ein ruhiger. Sprosse um Sprosse erklimmt eine Gesittung ihre Höhe, und Staffel um Staffel steigt sie von derselben wieder herab. Auch die moderne Kultur Europa’s hat ihren Gang abwärts angetreten. Unser Auge mag es nur nicht sehen, die Seele scheut zurück vor dem Gedanken, daß es so sey, sie zittert vor der Idee, daß die europäische Civilisation ihr weites Haus räumen müsse – daß das Schicksal ihr das letzte Gemach, den letzten Schrein vielleicht in nicht sehr langer Frist verschließen werde. Während die meisten Menschen ein leichtfertiges Spiel mit den auffälligsten und bedenklichsten Erscheinungen des Verfalls treiben, sind es nur wenige, die sie wie das Mene Tekel, wie Prophezeiungen des Kommenden betrachten.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/18&oldid=- (Version vom 3.10.2025)