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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Ein Gedenkblatt meiner ersten Rheinfahrt. Es war vor fünf und vierzig Jahren. Damals brausten noch keine Dampfer auf dem prächtigen Strome; es wiegten sich noch nicht die Schaaren fremder Touristen allsommerlich auf seinem Busen, es standen die großen Hotels für Comfort und Genuß noch nicht an seinen Ufern, noch lagen alle seine Burgen in Trümmern und selbst auf dem königlichen Rheinstein horsteten Falke und Uhu ungestört: das Leben auf dem Rhein, jetzt ein Treiben und Jagen, war ruhig und gemüthlich; – die Menschen hatten noch Zeit zu schauen und zu genießen. Einmal allwöchentlich nahm das Kölner Marktschiff in Mainz die Handelsleute und Reisenden sammt Waaren und Gepäck in seinem Bauche auf, jeden Abend warf es seinen Anker aus, auszuruhen für die Nacht, und Schiffer und Passagier waren beide zufrieden, wenn sie am vierten oder fünften Tage ihr Ziel erreichten. An kleinen Abenteuern fehlte es auf einer solchen Reise fast niemals. Das „Bingerloch“ hatte seine Schrecken noch nicht verloren, und „Hatto’s Mäusethurm" machte, umtobt von der Brandung, eine respektablere Figur, als jetzt in dem stillen Gewässer. Ich sehe es noch, wie sich mehrere Frauen der bunten Reisegesellschaft, als wir Rüdesheim passirten, ängstlich um einen Kapuziner schaarten, der andächtig seinen Rosenkranz betete, als wolle er den zürnenden Geist des Stromes beschwören, dessen Wogen man schon aus weiter Ferne schäumend über das schwarze Felsriff stürzen sah, welches damals den Rhein in seiner ganzen Breite dämmte. Je näher das Schiff demselben kam, je mächtiger wurde das Sieden und Brausen des Stroms. Sein Brüllen wiederhallte in den nahen Bergen. Unruhig trat der Kapitän an das Steuer. Vorsichtig wurde das breite Segel eingezogen, und in langsamerem Takt schlugen die Ruder, während man behutsam der engen Spalte des Fahrwassers zulenkte. Als man an den Eingang des Felsthors gekommen war, warf sich die Brandung mit Wuth über das Deck des Fahrzeugs. Die Spitze desselben tauchte tief in den kochenden Abgrund und die Fluth bedeckte für einen Augenblick Steuer und Steuermann; ein Stoß erfolgte, begleitet vom lauten Aufschrei der geängstigten Frauen; doch der Schreck war größer als die Gefahr, das festgefügte Schiff blieb unbeschädigt, und die kluge Führung, der Ruderleute brachte es in wenigen Sekunden unversehrt durch die schmale Oeffnung des Felsriffs. Ein freudiges Hurra der Mannschaft verkündete, daß die Gefahr vorüber war und sorglos lachten wir des überstandenen Schreckens und höhnten die ohnmächtige Wuth des Stroms, der in den letzten Wogen der Brandung noch die ganze Gesellschaft mit seinem Schaum benetzte. Es ging freilich nicht immer so glatt ab damals. Schon auf der Bergfahrt zurück wurde das Marktschiff an der nämlichen gefährlichen Stelle auf eine Klippe getrieben, es bekam einen Leck und mußte Güter und Menschen am andern Ufer aussetzen. Solche Unfälle verzögerten die Reise oft mehrere Tage.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 191. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/196&oldid=- (Version vom 15.10.2025)