Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/198

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

verschiedenen Epochen der Kirchenbaukunst in der würdigsten Art So die Ruine einer Kirche vor der Stadt, die Trümmer des Werner-Kirchleins, der Thurm der Hauptkirche und der Tempelherrenhof.

Erstere liegt auf einer kleinen Anhöhe in einem Haine von Nußbäumen. Sie ist eine der ältesten christlichen Verehrungsstätten des Rheinlands und wahrscheinlich steht sie auf der Substruktion eines römischen Tempelchens. Man kann sich nichts Friedlicheres, Stilleres, Eigenthümlicheres vorstellen, als dieses verfallene kleine Gotteshaus. An den geborstenen Pfeilern der eingestürzten Kreuzgewölbe und Fensterbogen rankt armdicker Epheu, durch die schmalen Fensteröffnungen schaut das junge Nußlaub, und die schlanken Birken und Hollunderbüsche mit ihren weißen Blüthendolden schaukeln sich von den Zinnen der Giebel in den Lüften. Von einer Steinbank vor der Ruine fällt der Blick hinunter in das herrliche Thal und auf den majestätischen Strom mit seinen Segeln und Wimpeln.– Noch schöner ist das im Innern der Stadt gelegene Werner-Kirchlein – eine Ruine an einem öden Friedhofe, überschattet von einer imposanten Felsmasse, auf der das graue Gemäuer eines Römerkastells steht. Die gothische Baukunst konnte nichts Zierlicheres, Anmuthigeres hervorbringen, als diese Kirche. Noch sind die Giebel und eine Seitenwand hinlänglich erhalten, um die Harmonie der Verhältnisse und Ornamente daran zu erkennen. Die Wolken ziehen frei über den grasbewachsenen Boden, in den Klüften zertrümmerter Grabsteine wuchert Unkraut, wilder Wein kleidet die zierlichen Spitzsäulen in grüne und rothe Farben. Obschon dieser Bau Jahrhunderte an sich vorüber gehen sah, und Wetter und Stürme viele Menschenalter hindurch an ihm genagt haben, sind die Ornamente doch so scharf, frisch und fest, als wenn sie erst gestern aus der Hand des Steinmetzen hervorgegangen wären. – Sehenswerth sind auch die einstige Wohnung der streitfrohen Ritter der Kirche des heiligen Grabes – der Tempelherren, – und der Thurm der Stadtkirche mit ihren noch an die romanische Periode erinnernden Rundbogen-Fenstern und uralten Grabmonumenten. „Hier ist Dasselbe“ – bemerkt Mendelssohn in seinen Rheinthalbildern, „was uns in Italien so mächtig ergreift: eine große Natur, ein weltgeschichtlicher Boden und bedeutende Denkmäler, aus deren Bildung oder Zerstörung die verschiedenen Perioden einer großen Vergangenheit zu uns sprechen. Ja, mir ist es mehr als Italien; denn es ist mein Land, es ist Deutschland, dessen Leben sich in jeder Mauerzinne, in jeder Fensterrose dieser kleinen Trümmerwelt wiederspiegelt“. – Wer wollte über die Pietät, die sich in diesen Worten ausdrückt, lächeln? Was bleibt denn dem Menschen, wenn er sein Herz den Gefühlen entfremdet, die in solchen Reflexen des Gedankens ihre Aeußerung finden, übrig? Wohl wird jetzt ihre Ausrottung an tausend Orten gepredigt; besser, zufriedener, glücklicher aber sind die Menschen dadurch nicht geworden. –