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Baden-Baden, das heutige, ist ein Bad für Gesunde. Seine unermeßlichen Anlagen, die Menge seiner Prachtsäle und Paläste, in denen sich die vornehme Welt aus allen Theilen der Erde zusammen findet, würden leer stehen, wäre Badens Anziehungskraft auf seine Heilquellen allein begründet. Unter den Luxusbädern ist jetzt Baden, was London ist unter den Städten; denn die Zahl seiner Gäste steigt allsommerlich wohl auf 30,000! Es ist begreiflich, daß in einem solchen Bade die kleinlichen Rücksichten, die man anderswo zu nehmen hat, um nicht Anstoß zu erregen, wegfallen. Da wird nicht ängstlich nach Rang und Stand gefragt, woher Jemand stamme, welches Kleid er trage, wie er seine Zeit am liebsten sich vertreibe. Wer in Baden-Baden bemerkt seyn will, muß schon ganz besondere Eigenschaften besitzen oder sehr auffallend leben. Freilich fragen auch die kleineren Kreise, deren es hier hunderte aller Art gibt, streng genug nach den Verhältnissen eines Unbekannten, der sich ihnen zu nähern sucht. Das heutige Baden wimmelt nämlich von männlichen wie weiblichen Abenteurern selbst des vornehmsten Ranges, so daß man gegen jeden Fremden, mit dem man nähere Bekanntschaft schließen will, vorsichtig seyn muß. Von dem freundlichen Entgegenkommen, von der Verschmelzung aller Badegäste in eine einzige große Familie, wie man es in kleineren Kurorten findet, wo der Ankommende sich schon in den ersten Tagen seines Aufenthaltes wie zu Hause fühlt, trifft man dort keine Spur. Aecht großstädtisch, ohne Neugier und ohne Theilnahme geht Alles aneinander vorüber. Wo Jedem, wie hier, eine so reiche Auswahl zur Geselligkeit offen steht, kann auch Jeder nach seiner Neigung wählerisch seyn. Es gewährt ein komisches Schauspiel, wenn irgend ein Groß-Würdenträger eines kleinen Staates, der daheim gewohnt ist, schon vor seinem leeren Wagen alle Hüte auf hundert Schritte aus übergroßem Respekt vom Kopfe fliegen zu sehen, zum ersten Mal in Baden ankommt. Nachdem er seinen Titel, der zwei Linien des Fremdenblattes füllt, mit ängstlichster Sorgfalt, daß um’s Himmelswillen kein „Ober“ oder „Geheim“ vergessen werde, eingeschrieben hat, schreitet er, ganz gegen die hiesige Sitte, alle Ordensbänder im Knopfloch, die Gemahlin – aufgeputzt, als wollte sie zum Hofballe fahren, – ihm zur Seite, im Gefühl seiner Würde stolz einher, in der Meinung, Jeder müsse mit zuvorkommender Höflichkeit sich ihm nähern, sich glücklich schätzen, die Ehre seiner Bekanntschaft zu machen. Aber von all’ den langen Titeln, breiten Bändern und der stolzen Attitüde nimmt Niemand Notiz. Da läßt denn der Verblüffte allmählig die Dekorationen verschwinden, die Exzellenz trägt mit dem entfachen Kleide auch einfache Manieren zur Schau, und dem Witzbold ist die Gelegenheit genommen, an einer Lächerlichkeit seinen Stachel zu üben. – Das Konversationshaus mit seinen vielen Sälen, und noch schönerem freien Platze, von süßduftenden großen Orangenbäumen umsäumt, ist der eigentliche Mittelpunkt des großartigsten gesellschaftlichen Lebens. Die Abendzeit von 7–9 Uhr hält hier die haute volée versammelt. In einem Kiosk auf der grünen Matte, die durch die breite Promenade von der Säulenhalle des Konversationshauses getrennt ist, spielt ein gut besetztes Orchester. Die Klänge der neuesten Walzer, Polka’s und der