Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/202

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Aber die Götter thun der Poesie nichts mehr zu Gefallen, seitdem die Poeten sich ihrer schämen. Vom Olymp sind sie ausgezogen und im Kern der Erde lungern und träumen die Cyklopen und lassen ihre Herde erkalten.

Brussa ist die Capitole des Paschaliks von Anatolien und im Range die dritte Stadt im türkischen Reich. Strabo schreibt ihre Gründung dem Veteranen des bithynischen Königsgeschlechts, Prusias I., zu, der sie nach seinem Namen taufte; an den Grenzen des alten Phrygiens und Mysiens gelegen, war sie zur griechischen Blüthezeit schon eine der wichtigsten Plätze Kleinasiens. Schon damals und auch noch unter den Römern versammelten die dort entspringenden heißen Quellen zahlreiche Kranke in ihren Mauern; römische Skulpturen, die an den Umfassungen des alten „Kestell“ (Castellum) noch zu sehen sind, bezeichnen diese Befestigung als ein Bauwerk aus jener Zeit. Im 10. Jahrhundert wurde die Stadt von einer kriegerischen Horde Araber belagert und zerstört. Zur Zeit der Kreuzzüge bleibt sie unerwähnt, und taucht erst wieder im 14. Jahrhundert auf, als die Dynastie Osman, gefolgt von zehn thatkräftigen weltstürmenden Fürsten bis Suleiman I., Brussa zum Centrum ihrer Macht erkor. Binnen einem Jahrhundert wuchs die Bevölkerung der neuen Residenz gewaltig an; Macht, Reichthum, Glaubensfanatismus und Kunstliebe, die damals das Haus Osmans umgaben, schmückten die von Natur schon so reich Bedachte mit den herrlichen und großartigen Denkmälern, die des Muselmanns Stolz, im Fremden Bewunderung jener Vergangenheit erregen. Mußte Brussa auch, als sich der Schwerpunkt der Macht des Eroberers nach dem Abendland verlegte, schon Ende des 14. Jahrhunderts an Adrianopel und später an das unvergleichliche Stambul die Ehre und den Glanz des Herrschersitzes abtreten, so blieb es doch bis auf unsere Tage blühend durch die Ergiebigkeit seiner Gefilde, die Heilkraft seiner Quellen und den Fleiß und die Geschicklichkeit seiner Bewohner. Dem europäischen Handel ist Brussa noch eine der wichtigsten Städte in Kleinasien, dem Staatsschatz der Pforte eine ihrer ergiebigsten Einkunftsquellen und dem Volk der Osmanli wird sie ewig die heiligste im ganzen Reich bleiben, denn sie birgt in ihren hochgewölbten und cypressenbeschatteten Grabstätten die Gründer seiner zerfallenden Größe und Herrlichkeit, Sultane, Scheiche, Propheten und Dichter, bis zu dem Tage, wo Allah alle Moslems im Thal Josaphat zu Gericht ruft.

Das Dampfboot, welches von Konstantinopel Post und Reisende regelmäßig nach Brussa bringt, legt in Ghio, der altgriechischen Kolonie Kios, dem nächstgelegenen Seehafen an der anatolischen Küste von Marmora an. Die Straße geht eine kurze Strecke zwischen Weingärten am Meeresufer hin und steigt dann landeinwärts in einer üppig bewachsenen Thalschlucht bergan. Von da überschreitet sie ein fruchtbares Hochland und senkt sich noch ein Paar Stunden Wegs in die reiche Brussa-Ebene hinab, die sich in einem 3 geogr. Meilen langen und breiten Gürtel um die alte Götterburg, den Olymp und das angrenzende Alpenland windet, das seine über 8000 Fuß hohen Gipfel in schweren kuppigen Massen in die Wolken streckt. Von dieser Seite zeigt sich Brussa