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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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golddurchwirkte Purpurtücher umhängen die Sarkophage und der weiße Turban mit diamantener Agraffe bezeichnet die Sultanswürde der Eingesargten. Der Geist der osmanischen Geschichte geht in diesem ehrwürdigen Mausoleum noch um und prophezeit dem denkenden Menschen von der Genesis und dem Untergang alles Großen auf der Erde. – Das Kastell von Brussa ist verfallen; nur noch die flankirten Mauern und theilweise erhaltenen Thürme aus großen Granitblöcken beweisen seine frühere Bestimmung und seine Herkunft von der Hand römischer Baumeister. Da ist’s, wo nach der Sage der alten Geschichtsschreiber der große Afrikaner, von Prusias verrathen und von den Schaaren der Römer belagert, sich den Tod gab.
Wie allenthalben im heutigen Türkenreiche, trägt auch Brussa schon längere Zeit die Zeichen des Verkommens an sich, weniger im Aeußeren, als durch das auffallende Sinken der Einwohnerzahl, unter denen hier im Herzen des osmanischen Lebens in der letzten Periode hauptsächlich die Rajahs und das europäische Element prosperirten. Während v. Hammer im Jahre 1818 die Bevölkerung auf 100,000 Seelen schätzen konnte, betrug sie im vorigen Jahre kaum noch 70,000, unter denen 10,000 Armenier, 7000 Griechen und mehrere Tausend Juden und Franken waren. Die Handwerke, welche eine unseren Innungen ähnliche Organisation haben, und die Fabriken befinden sich größtentheils in den Händen der Rajahs; die blühenden Seidenwebereien namentlich, welche im größten Maßstabe mit europäischen Maschinen betrieben werden und mit den besteingerichteten Fabriken von Lyon und Wien rivalisiren, gehören reichen armenischen Bankiers. Der Weinhandel ist ein bedeutendes Exportgeschäft fränkischer Häuser geworden und versorgt, außer Konstantinopel und andern weintrinkenden Städten der Türkei, das Innere Rußlands. Seine politische Wichtigkeit, die ihm die centrale Lage zwischen den beiden Meerespforten, den Dardanellen und dem Bosporus, verlieh, hat Brussa längst an Konstantinopel abgetreten. Noch aber dient es zum Ausgangspunkt der Pilger- und Handels-Karawanen von und nach dem Innern Asiens.
In den letzten Tagen des vergangenen Februar hat eine furchtbare Katastrophe das alte Brussa heimgesucht. Die berühmten heißen Quellen in der Umgebung der Stadt und die früher schon vorgekommenen Erderschütterungen zeugen von unterirdischem Feuer, welches hier seinen Herd hat und öfters schon Erdbeben herbeiführte. Nach einem heftigen Sturm und Regen in jenen denkwürdigen Tagen erfüllten die Anzeigen einer nahen Katastrophe plötzlich die Einwohner Brussas mit panischem Schreck. Unerträgliche Gewitterschwüle und heftiger Schwefelgeruch erfüllten die Luft, der Himmel umnachtete sich, Blitze zuckten von allen Seiten abwechselnd mit dem Krachen des Donners und in furchtbaren Konvulsionen erbebte die Erde. In heftigeren und rascheren Schlägen folgten die Erschütterungen und hoben mit einem Mal die tausendjährigen Mauern aus ihren Fugen. Der weite Umkreis der menschenerfüllten Stadtviertel erdröhnte vom Einsturz der Moscheenkuppeln und vom Fall der hohen Minarets; kaum eine der vielen hundert blieb unversehrt; ganze Straßen verwandelten sich in Trümmerhaufen, und die mächtigsten massivesten
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 200. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/205&oldid=- (Version vom 15.10.2025)