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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Ouvertüren beliebter Mode-Opern tönen in das Gesumme der auf- und niederwogenden Menschenmenge. Es sind hier oft 2000 Personen aus allen Gegenden der Welt vereinigt, die auf dem Platze promeniern oder auf den Sitzen der Ruhe pflegen. Alles findet hier seine Repräsentanten: Jugend und Schönheit, Stand und Reichthum, der Glanz berühmter, sey es erworbener oder ererbter Namen. In einer Gruppe sieht man oft Staatsmänner, Feldherren, Gelehrte und Künstler zusammen, die sich Ruhm in allen Enden der Welt erworben, deren Namen und Thaten Tag für Tag die Zeitungen verkünden. Dazwischen der Frauen bunte Schaar gleich wogenden Blumenbeeten, wo sich oft die höchste Eleganz mit der höchsten Einfachheit der Toilette zu verbinden sucht. Und welche Grazie der Haltung, welche Freiheit der Bewegung! Da sind die vornehmen Russinnen mit ihrem schmieg- und biegsamen Körper, den sie so geschickt zu tragen wissen, mit den gelblich blassen Gesichtern ohne Frische, die nur durch die zwar gewöhnlich hellen, aber sehr lebendigen, mandelförmig geformten Augen Leben und Reiz erhalten. Selten findet man unter ihnen eine vollkommene Schönheit; schon die Gesichter junger, kaum den Kinderschuhen entwachsener Mädchen sind fast immer krankhaft; weißer Teint, frische Farben gehören bei ihnen zu den seltensten Ausnahmen. Aber etwas Piquantes haben sie in ihrer Erscheinung trotz dieses Mangels an Jugendlichkeit, trotz der zu breit hervorstehenden Backenknochen. Uebertroffen werden sie im Allgemeinen von den Französinnen, denen man in ihrer ganzen Erscheinung die Palme zuerkennen muß; Eleganz der Bewegung mit zierlichem Wuchse und fesselndem Ausdruck der Züge ist bei ihnen vereint. Von Engländerinnen, deren Zahl in Baden eine Legion ist, sieht man einzelne, welche durch die Regelmäßigkeit ihrer Züge und ihr rosiges Kolorit die Blicke mit Recht anziehen; sonst haben sie etwas Steifes, Eckiges, wenig Ansprechendes in Wuchs, Gang und Kleidung und stehen hinter den andern weiblichen Nationaltypen weit zurück. Auch unseren deutschen Frauen mangelt nicht selten der Reiz einer eleganten Erscheinung, obschon sie es an Sinnigkeit und wahrer Anmuth mit der ganzen übrigen Damenwelt aufnehmen können.
Die Kokette ist in Baden Königin. Wie feurige Raketen fliegen die Blicke umher, die empfänglichen Herzen der Männerwelt zu entzünden. Die Flammen, die hier auflodern, sind meist leere Strohfeuer, eben so schnell wieder erloschen wie aufgeflackert; aber leichte Verhältnisse knüpfen sich schnell, denn die Gelegenheiten sind günstig, die strenge Sitte beugt sich in Baden dem Vergnügen. Ein Blick auf die hundert Verhältnisse, die sich auf der Promenade anknüpfen und zwischen verschwiegenen Wänden fortsetzen, könnte uns zeigen, wie locker die Bande, wie leicht die Moral der vornehmen Welt aller Nationen geworden sind. Doch wer mag solche Spuren verfolgen, wo so Vieles zum reineren Genuß ladet! Wie süß duften die Orangen! Sie erhöhen den südlichen Zauber, der über Allem ausgebreitet liegt. Lind und warm ist die Luft, jedem rauhen Winde ist der Zutritt durch die schützenden Berge verwehrt, von dunklerer Färbung ist das Blau des Himmels. Auf der einen Seite der Promenade steht das im edlen Style gebaute weitläufige Konversationshaus mit seiner
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 16. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/21&oldid=- (Version vom 3.10.2025)