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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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macht endlich das Weitergehen sehr schwierig; hat man aber den Gipfel dieser Rocky mountains (Felsen-Gebirge), wie sie die hyperbolische Phantasie des Entdeckers getauft hat, erklettert, so öffnet sich dem Hinabblick ein schauerlicher weiter öder Raum, ein Dismal Hall (düstere Halle) über 300 Fuß lang und breit und 150 Fuß hoch, nur von nackten Felswänden umgeben. Am Ende dieser Höhle, dem Serene Harbor (freundlichen Hafen), verwandelt sich wieder der nackte Kalkstein in Stalaktit und führt, gleichsam als Schlußdekoration, dem Auge des Beschauers zahlreiche phantastische Tropfsteinbildungen vor.
Die ganze Höhlen-Tour kostet 6½ bis 7 Stunden Zeit. Die direkte Entfernung vom Eingang bis zum Ende der Höhle mißt 9½ engl. Meilen, mit allen Windungen hat sie aber über 100 Meilen Länge. An Ausdehnung ist also Mammuth-Cave bei Weitem die größte aller bekannten ähnlichen Gebilde der Erde und verdient ihren Superlativ-Namen mit Recht.
Eine interessante Episode unter den verschiedenen Nutzanwendungen, welchen sich die Höhle seit ihrer Entdeckung unterwerfen mußte, ist das Experiment eines amerikanischen Arztes, Dr. Mitshel, der seinen brust- und lungenkranken Patienten Mammuth-Cave wegen ihrer Temperatur und feuchten Atmosphäre als einen heilsamen Winter-Kurort empfahl. Im Jahr 1841 ließ dieser bekannte Arzt mehrere der größten Räume des Innern zu einer unterirdischen Stadt umbauen, in der neben bequemen Wohnungen selbst eine Kirche nicht fehlte. Ein Kurhaus wurde sehr luxuriös ausgestattet und Diener und Krankenwärter in Bereitschaft gehalten. Im September desselben Jahres zog wirklich eine große Schaar Lungenleidender in diesen unterirdischen Räumen ein, welche in der Verzweiflung oder mit der Resignation eines letzten Versuches den heroischen Entschluß faßten, die entsetzliche Kur in der Mammuth-Höhle zu wagen.
Vier Monate lang sollte kein Patient die Höhle verlassen. Nur die Glocke der Uhr im Kurhause zeigte den Unterschied zwischen Tag und Nacht an. Indeß herrschte bald ein regsames, oft sogar lustiges Leben; Musik, Tanz und Sang erschallten in den sonst so schweigsamen Räumen; Besucher kamen und gingen, Ausflüge nach den verschiedenen interessanten Punkten der Höhle wurden veranstaltet, und im Lethe suchte sich Mancher Vergessenheit seines Wehe zu trinken. Nach den ersten zwei Monaten wurden jedoch schon an Mehreren schnelle Abnahme der Kräfte, Augenleiden und Geistesschwäche bemerkbar; dennoch war der Arzt zu einer Veränderung des Aufenthalts nicht zu bewegen. Endlich kehrte der Tod in der Höhle ein; Viele starben, die Uebrigen erfaßte ein panischer Schreck, sie flüchteten aus dem Steinsarge der Riesenhöhle in den hölzernen draußen. Alle starben rasch nach einander, der Doktor mit ihnen – und mit ihm ging auch seine Heilmethode zu Grabe.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 210. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/215&oldid=- (Version vom 16.10.2025)