Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/226

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

an Intelligenz, guter Sitte und Menschenfreundlichkeit übertroffen werden. Nicht selten ergreifen die Söhne der besten Familien das Holzgeschäft als die einträglichste Beschäftigung, bis sie die Mittel erlangen, größere Landkomplexe zu kaufen, oder Mühlen und Sägewerke anzulegen und sich so eine Carriere zur Erlangung von Reichthümern zu öffnen. Der rüstige, von Unternehmungslust getragene Mann gewöhnt sich leicht an das rauhe unwirthliche Leben des Hinterwäldners; die Idee, welche er verfolgt und ihn erfüllt, läßt ihn alle Schwierigkeiten überwinden, alle Anstrengungen ertragen; nicht so das Weib, welches vielleicht aus dem weichen Schooße des üppigen Lebens der großen Stadt sich losreißt, um ihrem Gatten in die Einsamkeit der Wälder des fernen Westens zu folgen. Gerade auf sie, die Gattin und Mutter, fällt das härtere Loos, die größere Entbehrung; denn nicht einmal die Hoffnung, stets an der Seite ihres Mannes die Sorgen und Strapazen des neuen Lebens zu ertragen, begleitet sie. Der Mann, festeren Bau’s und stärkern Willens, von Kindheit an gewohnt zur Lust an Wagniß und Abenteuer, von der Sucht nach Gelderwerb gespornt und von der gewissen Aussicht auf eine gewinnreiche Thätigkeit erwärmt, zieht, angekommen an dem Ort seiner Wahl, leichten Herzens mit seinen Leuten oder Genossen, Büchse und Axt auf der Schulter, in die Wildniß und beginnt sein rauhes Tagewerk; ein Roß trägt ihm Zelt und wollene Decke nach; er richtet sich ein so gut er kann und findet in Felshöhlen oder Schluchten Schutz vor Sturm und Unwetter und eine Küche und einen Heerd zur Bereitung seines Mahls; die schwache und zarte Frau aber, die vielleicht noch ihre ganze Sorgfalt dem Säugling und dem Häuflein kleiner Kinder widmen muß, – sie, die früher in comfortabler Wohnung, von liebenden Aeltern, Verwandten und Freunden umgeben, gelebt hat, wird nun geprüft, ob sie Muth und Seelenstärke genug besitze, um ihre Pflichten in einem Wirkungskreise zu erfüllen, der ihr in langen Jahren, ja vielleicht niemals wieder, eine der gewohnten Freuden, oder eine Erholung, bietet, ihr aber Gefahr und Noth in Menge verspricht. – Ihr Haus ist eine aus rohen, unbehauenen Baumstämmen eilig aufgeführte Hütte, und meistens nur nothdürftig gegen Wind und Regen verwahrt. Hier verlebt sie nicht Tage und Wochen, sondern jedes Jahr oft Monate, ohne ihren Mann zu sehen; die kalte Erde, mit einer Schilfdecke überdeckt, ist ihr Fußboden; der Strom oder der Urwald ihre Aussicht. Kein Nachbar besucht sie; denn der nächste lebt vielleicht eine Viertel-Tagreise entfernt; kein Arzt kann ihr und ihren Kindern beistehen; ein kleiner Arzneikasten ist ihre Apotheke, und sie muß sich selbst verordnen. Ihre Vorrathskammer ist ein Kasten mit Mehl, Grütze, Kaffee, Zucker, Thee, Schmalz und Rauchfleisch; oft kaum ausreichend für die lange Zeit der Trennung von ihrem Gatten. Der finstere Wald ist ihr Spaziergang, im nahen Bach oder Quell schöpft die Verlassene ihren Trank. Des Abends ist sie öfters genöthigt, ein Feuer anzuzünden, um den Bären oder den Prairiewolf vom ungastlichen Besuche abzuhalten, und ganz einsam und schutzlos wäre die Arme, wenn nicht der treue Hund des Nachts die Hütte umschlich und die wilden Thiere durch seinen Muth in Respekt hielt. Tausende von Frauen sind in solcher Lage in diesen einsamen Gegenden