Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/233

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

der Niagara Fesseln trüge. Für die Trenton-Fälle werden sie schon jetzt geschmiedet. Diese herrlichen Wasserstürze gewähren zwar nicht den überwältigenden Anblick des Niagarafalls, dessen Donner der Seele ein Grauen einflößt; anmuthig und lieblich, einschmeichelnd, wie eine sanfte Musik, die man bei Mondschein vernimmt, oder eine freundliche Stimme aus liebem Mund, macht der Trentonfall, verglichen mit dem wild grollenden, endlos tosenden Niagara, einen elegischen Eindruck, der mehr beruhigt als aufregt. Seine Stimme ist wie das verhallende Rollen eines Wagenzugs über eine ferne Brücke, oder das verschwindende Echo eines Sturmes, während die liebliche Iris, welche sich über dem reinen, aufsteigenden Wassergischt spannt, aufzuheitern und zu versöhnen sucht. Der Niagara ist allerdings viel erhabener; ja, man darf ihm sogar eine gewisse Grazie neben seiner Majestät zugestehen, aber sein vorherrschender Charakter ist doch der einer unwiderstehlichen, Alles unterjochenden Kraft. Er hinterläßt bei den Meisten einen peinlichen Eindruck – den Eindruck des Kampfes ohne Ruhe.

In Europa würden die Trenton-Fälle längst Welt-Berühmtheit empfangen haben, sie würden den Dichtern ihre Albums, den Künstlern ihre Portefeuilles füllen, sie würden der romantische Schauplatz manches Abenteuers in Sue’s, Dumas’, Bulwers Romanen seyn und vielleicht den Seckel irgend eines Spekulanten, oder eines Zwergfürsten füllen, welcher der fashionablen Welt gnädig erlaubte, sie zu betrachten, für so und so viel Kreuzer den Kopf. Aber Amerika ist so reich an Naturschönheiten und wiederum so arm an müßigen Talenten, um dieselben durch den Buchstaben oder Griffel zu verewigen, daß sie nur zu oft die Pracht ihrer Umgebung ungesehen und ungenossen vergeuden. Da sind die Fälle des Passaic, von Montmorency und die Chaudieren, die Glens-Fälle, die des Genesse, und ein Dutzend andere, um nicht so weit als St. Anthony zu gehen, alle vollkommene Perlen der Schönheit, die manches Königreichs Stolz ausmachen könnten. In Amerika besucht man sie gähnend, bespricht sie kalt, wenn nicht etwa ein fahrender Musensohn seinen Enthusiasmus in Versen über sie ausgießt, oder ein sentimentaler Romantiker sie in überschwenglicher Prosa beschreibt. Weiter reicht ihr Ruhm nicht. Nach ein Paar Jahrzehnten vielleicht sind sie selbst nicht mehr zu erkennen; gerodet sind dann ihre Wälder, die Felsen zum Häuser- und Straßenbau geebnet, und die gefesselten Wasser treiben vielleicht knechtisch die Räder der Sägemühlen, Spinnereien und Fabriken. Wehe der Romantik, wehe der Herrlichkeit der Natur, wenn der Spekulationsgeist der Industrie draußen sich ergeht und mit kaltem berechnenden Auge nach seinem besten Gehülfen sucht, einer guten Wasserkraft!

Unsere Aufgabe aber beschäftigt sich mit den Trenton-Fällen, wie sie jetzt sind und wir sie bewundern dürfen in ihrem malerischen Zufluchtsort am West-Kanada-Creek, dem Flusse, der, ungefähr 10 Meilen nordöstlich von Utica, diese Scenerie geschaffen hat. Es sind der Fälle sechs an der Zahl, theils größer, theils kleiner. Sie fangen bei der High Bridge an, an der Black River Road, und endigen bei Conrad’s Mills, zwei Meilen