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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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manche dunkle Seite der Gegenwart, und lüftet an mehr als an einer Stelle den Schleier des Kommenden und Werdenden. Der Sehkraft der Forscher verleiht sie optische Waffen, die ihnen einige Blicke in die Ferne vergönnen, welche über das kurze Erdenwallen einer Generation hinüberreichen. Das Tröstlichste, was sie dem Auge zeigt, ist, daß unsere Erde nicht bloß Raum und Mittel für den allgemeinen Fortschritt auf sehr lange Zeiten hinaus besitzt, sondern daß nach den göttlichen Naturgesetzen die Kultur zum Weiterschreiten gezwungen ist. Alle Perioden des Stillstandes oder Rückganges sind nur scheinbar. Den Blüthenstaub, den eine lokale Sterilität nicht zum Keimen bringen will, führen Luftströmungen empfänglicherem Boden zu, und oft ist die scheinbare Unfruchtbarkeit mancher Nationen nur Winterschlaf, welchem Thauwetter und neues Grün folgen. Die Civilisation aber im Allgemeinen muß, wie es scheint, um zu leben, irgendwo sich ausdehnen. Nicht bloß der innere Drang, sondern auch die äußeren Naturverhältnisse und der Erhaltungstrieb nöthigen sie dazu, sie kann nicht auf ihrer Wanderung stille stehen. Das Vorhandenseyn eines Wandergesetzes, nach welchem Kultur und Bildung sich über die ganze Erde verbreiten müssen, ist eine ebenso anerkannte Wahrheit als der Gang der Gestirne. Denker fast aller gebildeten Völker und Zeiten haben in verschiedenen Zungen das Axiom wiederholt: daß wie im Leben der Natur, so im Leben der Staaten, der Fluch auf den Stillstand gelegt sey.
Eine Wissenschaft, welche zugleich als eine Leuchte dunkler Vergangenheit, als Wegweiser in manchem Labyrinth der Zeitgeschichte und als Sybille der Zukunft dienen kann, verdient das allgemeine Interesse. Nicht die Geschichte, sondern die physischen Verhältnisse China’s erklären uns z. B. das seltsame Faktum, warum das ungeheuere „Reich der Mitte" in seiner alten Kulturentwickelung einen so langsam schleichenden Gang verfolgte, der fast dem Stillstand gleicht. Bei seiner Umgrenzung durch hohe Gebirgsketten, Wüsteneien und gefährliche Meere, wie bei der einseitigen Richtung seiner Ströme, fehlten ihm die Verkehrsmittel und der Ideenaustausch mit andern Völkern, und das Abschließungsprincip des chinesischen Despotismus ward dadurch höchlich begünstigt. Nur von reichgegliederten Küstenländern können ihm neue Kulturideen, die nothwendigen Pfropfreißer zukommen, aus denen der alte Stamm vielleicht einmal wieder junges Laub und neue Blüthen treiben wird.
Die herrschenden Naturverhältnisse erklären uns eben so einfach, warum jenes Morgenroth der Kultur, welches von Westasien und Aegypten ausgegangen und im südöstlichen Europa zum ersten Sonnenschein geworden, nicht in Zonen des kalten Nordens oder des heißen Südens, „da, wo die Natur erstarrt oder wo sie zerfließt“, entstehen konnte, weder in Ländern, wo der Pisang seine nahrhaften Früchte von selber bietet, und das Klima dem Menschen nackt zu gehen und ein Faullenzerleben gestattet, noch in Gegenden, wo die
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 232. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/237&oldid=- (Version vom 18.10.2025)