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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Eine Stunde von Ballenstädt, am äußersten Saume des östlichen Unterharzes, auf einem hohen Berggipfel an der rechten Seite des Selkethals, steht die Burg Falkenstein, eine der schönsten und berühmtesten Zierden des Gebirgs. Eine herrliche Natur, Gartenanlagen, Obstpflanzungen und prächtiger Hochwald umgeben den alten Rittersitz, wo eine gastfreie, biedere, von den steifen, lästigen gesellschaftlichen Formen freie Adelsfamilie ihren Wohnsitz aufschlug. Die Burg ist mit den nächsten Forsten und Gütern ein Bestandtheil des Majorats der Freiherren von der Asseburg, die viele Männer zu den ihrigen zählen, welche über ihr Zeitalter durch Geist, Verdienst und Tugend hervorragten. –
Als Bauwerk ist der Falkenstein auch für Den noch imposant, der die herrlichen Burgen und Ritterschlösser am Rhein, im Moselthal, am Neckar und an der Donau gesehen hat. Man erstaunt über die Kühnheit, mit welcher hier Steinmassen auf Felsenmassen gethürmt sind. Von der höchsten Zinne des Hauptthurms fällt der Blick in den romantischen Selkegrund mit seinen Felsen und Kaskaden. Freilich darf man bei der Betrachtung der schäumenden Selke nicht an einen Staubbach der Schweiz oder den Rheinfall denken. Größe ist überall ein relativer Begriff. Auch der Rheinfall und die Staubbäche der Alpen würden, wollte man sie mit dem Niagara, oder mit dem Parana vergleichen, der 8000 Fuß hoch dem selbstgegrabenen Abgrund zustürzt, dessen Donner man 8 geographische Meilen in der Runde hört, und von dessen Wogenprall die Erde noch in 4stündiger Entfernung in ihren Grundvesten erzittert, nur wie plätschernde Quellen erscheinen. Es kommt bei dem Gefühl und Urtheil eben auf den Maßstab an, den man in sich findet.
Die Burg führt ihre Entstehung auf die Sagenzeit zurück. Urkundlich wird sie im eilften Jahrhundert zuerst erwähnt, und, als Sitz mächtiger Dynasten, die sich nach ihr nannten, und deren Gewalt als Schirmvögte des reichen Stifts Quedlinburg bis in die Elbgegend sich erstreckte, wird sie in dem folgenden Jahrhundert öfters genannt. Ein Graf Hoyer von Falkenstein war es, der die germanischen Gesetze sammelte, die unter dem Kollektivtitel Sachsenspiegel in spätern Jahrhunderten öfters in Druck erschienen sind. Der letzte des Stammes, ein Graf Busso von Falkenstein, vermachte die Burg 1386 dem Domstift Halberstadt, und 1449 kam sie an das uralte Geschlecht
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 242. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/247&oldid=- (Version vom 19.10.2025)