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Alpen emporgetrieben und ihre Längen- und Querthäler gezogen haben. Der Kampf der streitenden Elemente: – des plutonischen, welches die Massengesteine aus der Tiefe der Erde aufschichtete, und des Wassers, welches sie wieder niederstürzte, in Schutt begrub, und die Schluchten und Gründe eingeschnitten, oder die Berge gespalten, gesprengt und zerrissen hat, so daß nichts stehen blieb, als steiles Felsgemäuer, – dieser Kampf füllte Zeiträume aus, gegen welche die Periode des Menschenlebens wie Augenwinken erscheint. So viel steht fest, daß schon in der Urbildung des Schweizerlandes die Geschichte desselben vorgezeichnet worden, – eine Geschichte, die sich anders gestaltet haben würde, wäre das Gebirg nach seiner Erhebungszeit ungestört geblieben, hätte es, wie die Ebenen Hochasiens, ein Plateau getragen, einförmig, abgeschlossen, ungeschützt vor den Winden, eine Wüste, den mongolischen Steppen gleich, kalt, unfruchtbar, unzugänglich, unbewohnbar. Der Boden macht den Menschen. Wie ganz anders wären diese Söhne der Alpen, würden sie nicht von der Natur ihrer Berge erzogen, die sie beständig an den Kampf widerstreitender Kräfte erinnert, und ihre gesammte Energie, des Körpers wie des Geistes, fortwährend aufregt, erfrischt, zum Streite nöthigt und in Uebung erhält. Johannes von Müller hätte keine Helden und Heldenthaten zu schildern gehabt, die Schweizergeschichte wäre ein leeres Blatt geblieben und das Land selbst nicht eine Wohnung der Freiheit und das Asyl Aller, die um der Freiheit willen leiden und verfolgt sind seit fünf Jahrhunderten.

Die schweizerische Gebirgsnatur ist die große Erziehungsschule des schweizer Volks, die Quelle, aus der ihm der Geist des Muthes und der Freiheit beständig frisch in die Seele sprudelt. Sie ist der Born, aus dem die Schweizer das Bewußtseyn ihrer Menschenwürde, des Stolzes der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit schöpfen, der Kunst, sich in jeder Lage selbst zu helfen und der Energie, welche sie in den Stand setzt, trotz ihrer isolirten Lage, und eingeschlossen von den Zoll- und Mauthlinien schelsüchtiger und übermüthiger Nachbarn, durch die Macht der Intelligenz, der Industrie und der Erfindung Goldströme in das arme Land zu locken und sich zum verhältnißmäßig reichsten Volke der Erde zu machen.

Mannichfaltigkeit – wie wir sie im Volke selbst nach Abstammung, Sprache, Sitten und Charakter sehen, – das ist das wahre Abzeichen des Alpenlandes! Ein Gurt von Seen umlagert von allen Seiten die Gebirgswelt und sammelt in ihren Becken die wässerigen Niederschläge von dem Felsgebäude auf, die aus tausend und abertausend Rinnsaalen den Tiefländern zufließen. Von diesen Wasserbecken erheben sich in den verschiedensten Abstufungen die Gehänge des Gebirgs und bieten auf jeder Staffel andere Naturbilder dar. Auf der Nord- und Südseite des gesammten Alpenstocks steigen die Voralpen – das Hügelland – zur Höhe von 2000–2500 Fuß empor, und im Westen erhebt sich die Mauer des Jura über den Leman- und Bielersee schroff und ernst. Der Jura erreicht die doppelte Höhe der Voralpen; aber die Sohlen seiner vielen parallelen Thaleinschnitte sind kaum halb so hoch gelegen. In diesen Vorbergen drängt sich eine dichte, mannichfaltige Menschenwelt.