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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Ebben und Fluthen, und wenn auch zu Zeiten einzelne Kulturformen zerfallen, und das Gemeine das Bessere zu überwuchern und zu unterdrücken droht, das Wirken für geistige Zwecke, das Schaffen für geistiges Gut bleibt doch immer das Ewige, das Obenbleibende, das des Menschen Würdige; das Einzige auch, welches das materielle Streben adelt, indem es sich mit demselben verbindet. Wenn der Reichthum sich selbst nur als ein Mittel für höhere Zwecke betrachtet und diesen Zwecken sich opfert, so erscheint er ehrwürdig, während Derjenige, welcher das Geld um des Geldes willen aufhäuft, oder es mißbraucht, um sich in Lust zu wälzen, ein Thor ist oder ein gemeiner Mensch, der unsere Verachtung verdient.
Es ist oft behauptet worden, daß niemals müheloser, rascher und häufiger Reichthümer erworben wurden als jetzt; niemals aber auch zugleich die Beispiele eines edlen, würdigen, ehrenden Gebrauchs derselben so selten verkamen als in unserer Zeit. Ich glaube, das Verhältniß ist immer so gewesen. In der moralischen Durchschnittsgröße der Menschen zwischen Sonst und Jetzt gibt es keinen Unterschied. Die großen Geister, welche sich über die Menge erhoben, waren im Alterthum nicht häufiger, als gegenwärtig. Die Fortschritte, welche in neueren Zeiten Wissenschaft, Kunst, Religion und Philosophie gemacht haben, stehen damit in keiner Beziehung; denn sie können so wenig große Männer machen, als ihre Erscheinung verhindern. Dieselben Ursachen, welche Plutarchs Helden vor drei- oder vierundzwanzig Jahrhunderten hervorriefen, sind auch heute noch wirksam. In der Zeit ist das Geschlecht nicht progressiv. Phocion, Sokrates, Anaxagoras haben keine Schule hinterlassen. Die ihnen Ebenbürtigen werden nicht nach ihren Namen genannt, sie sind selbst Meister und Lehrer. Was den Zeiten d’rum und d’ran hängt: Wissenschaft, Künste, Erfindungen, – sind nur ihr Gewand; die Menschen erstarken sie nicht. Huß und Luther thaten mit geringen Mitteln tausend Mal mehr als die Kirchen-Reformatoren der Neuzeit; Galilei machte mit einem Fernrohr, kaum unseren Opernguckern an Lichtstärke gleich, prächtigere Entdeckungen im Himmelsraume als mancher neuere Astronom mit seinem Riesenteleskopen; Newton erforschte das Gesetz, welches das Weltall zusammenhält, nach dem Fall eines Apfels; Columbus fand Amerika in einem unbedeckten Boote; die Drake, Hudson und Franklin umschifften die Erde und drangen in die unbekannten Regionen des Polarmeers in Fahrzeugen, auf denen sich jetzt kein Schiffer über die Nordsee wagt; wir zählen die Verbesserungen der Kriegskunst unter die Triumphe der Wissenschaft, und doch eroberte Napoleon Europa durch den Bivouak, – durch die Entlastung der Heere von allen Hülfsmitteln, wodurch er ihnen schnellere und leichtere Bewegung gab. Alle diese Menschen folgten dem Grundsatz: „Hilf dir selbst, so wird dir Gott helfen“. Jeder Mensch, der weiß, daß ihm die Kraft eingeboren ist, geht selbstvertrauend und aufgereckten Hauptes durch das Leben, er gebietet seinen Mitteln, er wirkt Wunder.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 22. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/27&oldid=- (Version vom 3.10.2025)