Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/29

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Mann von Angesicht zu sehen, dem ihre enthusiastische Bewunderung gehörte. Girard war der Ehren wohl werth, die ihm erzeigt wurden, und die er mehr als eine Last, denn einen Lohn betrachtete. Als ihn einst der Präsident Jackson besuchte und Girard sich wunderte, daß der Cincinnatus den reichen Geldmann heimsuchte, antwortete jener: „Ich besuche Sie nicht um Dessen willen, was Sie haben, sondern wegen Dessen, was Sie geben“. –

In äußeren Manieren war Girard schlicht und einfach, in seinem Wesen kurz angebunden, in seiner Unterhaltung wortkarg; wenn sich aber die Neugier an ihn drängte, so konnte er, ohne auf die Person zu sehen, selbst hart und zurückstoßend werden; denn er pflegte zu sagen: „Ich will lieber einen Spitzbuben an meiner Kasse als einen Zeitdieb auf meiner Stube sehen“. Gegen seine Untergebenen war er in der Forderung treuer Pflichterfüllung streng und hart; aber hatte einer die Prüfung bestanden, dann konnte er auf ihn in allen Nöthen des Lebens, wie auf einen treuen Freund und Vater rechnen, und seine Fürsorge für Diener und Gehülfen blieb noch ihren Familien, wenn jene schon längst gestorben waren. Girard besaß die unschätzbare Kunst, jede Fähigkeit und jedes Talent schnell zu erkennen und mit sicherem Takte die Stellung zu wählen, in der es am nützlichsten zu wirken vermochte. Alle Eigenschaften eines Herrschers waren ihm angeboren. Er hätte ein Reich mit eben der Sicherheit und dem Erfolg verwalten können, mit dem er seine zahlreichen Etablissements und die ausgedehntesten Spekulationen leitete. Seinem Glücke, sagte man, vertraue er so zuversichtig, wie Cäsar. Es mochte Wahres daran seyn. Er assekurirte niemals gegen Seegefahr.

Girard forderte jederzeit die unbedingte Erfüllung seiner Befehle von seinen Dienern und Gehülfen. Auch die beste Absicht konnte den Zuwiderhandelnden nicht entschuldigen. Einstens gab er einem seiner Schiffskapitäne den Abschied, weil er von einem Befehle abgewichen war, dessen strikte Befolgung Schiff und Ladung zu unvermeidlichem Verlust gebracht haben würde. „Aber ich habe ja“ – sagte der Betroffene, – „Schiff und Ladung gerettet!“ – „Aber Sie haben“, antwortete Girard, „in mir das Bewußtseyn erschüttert, daß meine Befehle wörtlich vollzogen werden, und dies empfinde ich schmerzlicher als den Verlust einer Flotte. Hier sind 1000 Dollars; wir bleiben geschiedene Leute“. Während dem unverschuldeten Unglück und dem hülfebedürftigen Verdienst Ohr und Kasse bei ihm immer offen standen, wies er gewöhnliche Bettelei barsch zurück. „Ich habe keine Zeit, euch anzuhören, und keinen Cent für euch entbehrlich“, – sagte er trocken, wenn ihm die Zudringlichen lästig wurden. In Geschäften wahrte er seinen ehrlichen Vortheil bis in’s Kleinste und vertheidigte ihn mit Hartnäckigkeit. „Der ist kein Geschäftsmann“, pflegte er zu sagen, „der nicht den Cent festhält, welcher ihm mit Recht gehört. Der Geschäftsmann hat nichts zu verschenken; wenn vom Geben die Rede ist, muß man zum Patrioten und zum Menschen gehen“. Girard borgte dem Staate nur dann, wenn ihm die öffentliche Noth alle Kassen verschloß. „Dann ist Mr. Girard zu Hause“, sagte er dem Finanzminister, „eher nicht“. Und dann borgte er zu gewöhnlichem Zins,