Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/30
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
|
|
ohne weiteren Vortheil zu suchen. – Als Jemand ihn einst fragte: „Aber Herr Girard, wie machten Sie es möglich, ein so ungeheures Vermögen zu erwerben?“ – antwortete er: – „Sie hätten fragen sollen, wie ich’s machte, zu den ersten hundert Dollars zu kommen“.
In Glaubenssachen hatte Girard freie Ansichten. Er haßte Pfaffen und Pfaffenwesen aus dem tiefsten Seelengrunde, und nannte sie die Hauptursachen alles Verderbens und das ewige Hinderniß des menschlichen Fortschritts. Für christliche Kirchenparteien und Sekten hatte er keinen Respekt. – Wenn er zu Beiträgen für Kirchenbauten etc. aufgefordert wurde, gab er zwar reichlich und alle Zeit, aber bei solchen Anlässen fielen oft beißende Bemerkungen. „Die Welt ist das Haus Gottes und der Himmel ist sein Altar; und ihr wollt ihm einen Käfig machen?“ – schnurrte er einst den Sammler für einen Kirchenbau an.
Alt geworden, zog er seine Geschäfte in engere Kreise zusammen; erlöste seine Filiale auf und suchte sein Vermögen zu centralisiren. – Kein Jahr verging, daß er nicht wohlthätige Anstalten in einem oder dem anderen Theile der Union fördern half, oder gemeinnützige Zwecke mit ansehnlichen Summen unterstützte. Doch den großen Gedanken für die Hauptverwendung seiner gesammelten Schätze hielt er geheim bis wenige Jahre vor seinem Tode. Da veröffentlichte er seinen Plan für sein berühmtes College, das die Waisenkinder ganz Pennsylvaniens erzieht und unterrichtet, – und ehe ein Jahr verging, erhoben sich die Marmorsäulen auf ihren Sockeln, und nach vier weiteren Jahren erlebte er die Eröffnung seiner großherzigen Anstalt, welche seines Namens Gedächtniß und sein menschliches Wirken auf die fernsten Zeiten bringen wird.
Die Organisation der Anstalt schließt die Mitwirkung der Geistlichkeit gänzlich und für alle Zeiten aus. Er sagt in der Stiftungsurkunde ohne alle Umschweife: – „Kein Pfaffenfuß soll je die Schwelle meines Werks berühren; denn er würde es verunreinigen. Keiner meiner Zöglinge soll in religiösen Vorurtheilen aufgezogen werden. Alle sollen ihren Glauben unbefangen aus sich selbst schöpfen, wenn die Zeit gekommen ist, wo sie dazu fähig sind, Gott aus seinen Werken zu erkennen“. Girard gestattete das Lesen des Neuen Testaments unter Lehrern, die Laien seyn müssen. – „Ich schließe die Priesterschaft aus“, sagte er – „mich auf des Herrn Ausspruch stützend: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“.
In „Girards-College“ finden die Waisen des Staats Pennsylvanien die sorgfältigste leibliche Pflege, trefflichen Unterricht in allein Nützlichen und Schönen und alle Talente die Mittel zu ihrer Entwickelung und Ausbildung, bis die Zöglinge die Jahre erreicht haben, wo sie sich, gestützt auf eigene Kraft, selbstständig fortbringen können. Alle Einrichtungen, vom Geiste ächter Humanität getragen, sind musterhaft. Stephan Girard lebte noch lange genug, um Zeuge vom Aufblühen seines großen Werks zu seyn, und sich am Spätabend seines langen Werkeltags daran zu erfreuen.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 25. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/30&oldid=- (Version vom 3.10.2025)