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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Langsam, aber sicher, reift dem Napoleoniden die Saat, welche er ausgeworfen hat, zur Ernte. Eidbruch, Arglist und Gewaltthat waren sein Weg zur absoluten Herrschaft; Eidbruch, List und Gewaltthat werden sich gegen ihn richten, wenn die Nemesis ihn vor die Assisen ladet. Verschwörungen brüten in den Winkeln, der bleiche Mord umschleicht ihn; und wenn auch jene nie unentdeckt blieben und diese nie gelingen würden, so werden sie doch sein Verderben dadurch beschleunigen, daß sie ihn nöthigen, die Gesellschaft beständig zum Opfer eines Polizeisystems zu machen, das die Franzosen auf die Dauer nicht ertragen werden. Man sagt, der Kaiser lebe beständig in den Aengsten Tibers; die Ruhe fliehe sein Bett, die Energie seines Willens sey erschüttert und eine beständige Unruhe und Rastlosigkeit seyen an die Stelle der Gelassenheit und des plastischen Phlegma’s getreten, welche als Grundzüge seines Charakters galten. Wer darf sich wundern, wenn die Kunde seines leidenden Zustandes in dem geknebelten Lande die Hoffnungen von Millionen aufrichtet, – stille, stumme Hoffnungen zwar, aber darum nicht weniger brünstige! – Der mit Blut zusammengeleimte, und mit theokratischem Zinsel ausgeschlagene Kaiserthron ist mit Dornen gepolstert. Die Tage von Aranjuez gehen bald vorüber. Auf den tollen Fasching folgt der Aschermittwoch und diesem ist der Kreuzigungstag nicht fern. Eine Illusion nach der andern fällt von ihm und die Ereignisse dürften die Selbstüberschätzung seiner Weltstellung bald genug auf ihr gebührendes Maß zurückführen. Man weiß, daß des Imperators Politik nach Außen, weit entfernt, frei zu seyn, den dunkeln Bewegungen in Frankreichs Innerem folgen muß. Verschlossen, schweigsam, jeder Strömung des Windes lauschend, zusammenfahrend bei jedem Geräusche, beständig in Furcht vor Verschwörungen und Anschlägen auf sein Leben, theilt der Neffe des großen Kaisers in den Tuilerien seine Zeit zwischen dem Brüten über unheimliche Pläne für die Zukunft und betäubenden Festen, während die Welt mit den wichtigsten Veränderungen und den ungeheuersten Katastrophen schwanger geht, und das Schicksal, mit unwiderstehlicher Gewalt, Völker und Herrscher dem reißenden Strome der Geschichte zudrängt, in welchem jeder Einzelwille untergeht. Keck hat er Frankreichs Ehre und Macht und das Leben seiner tapfern Söhne auf die Karte des im Orient entbrannten Kampfes gesetzt und während die Ruhmsucht der Nation und der Thatendurst der Armee und Flotte mit Ungeduld der Ereignisse zu ihrer Befriedigung harrt, erschlaffen Industrie und Handel, und das geängstigte Kapital, leichtsinnig in den Börsenschwindel und das Danaidenfest der Kriegs-Anleihen gelockt, sieht mit stumpfer Resignation auf die Gefahren hin, die ihm aus der dunkeln Politik des Herrschers und der Unsicherheit seiner Herrschaft drohen. Angesichts der ernsten Stellung, in die Frankreich gedrängt worden ist, treten die nachtheiligen Folgen des grausamen Verfahrens jetzt schärfer hervor, welches der Napoleonide, nach dem Staatsstreiche, gegen 21,000 französische Bürger geübt hat, unter denen die Koryphäen des Geistes, die Zierden der Literatur und Wissenschaft, die gefeiertsten Talente, die berühmtesten
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 35. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/40&oldid=- (Version vom 3.10.2025)