Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/47
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
|
|
Häuserchen friedlich aus Obsthainen und den röthlich blühenden Tabaksfeldern herausschaut; und etwas entfernter wälzt der Mississippi, der Vater der Ströme, in stiller Majestät seine falben, immer trüben Wogen durch die Wälder von Hikories und Ahorn. Hochbepackt mit Menschen und Gut ziehen auf seinem breiten Rücken die Flöße nach den Städten des Südens hinab, für welche sie, auseinander genommen, das Material zu den Tausenden von neuen Häusern liefern, die Jahr aus Jahr ein diese blühenden Sitze der Menschen vergrößern. Zu beiden Seiten des Stroms aber erblickt das Auge von Strecke zu Strecke lichte Stellen, wo das Beil den Wald geöffnet hat und des Landmanns fleißige Hand Saat ausstreut zu hundertfältiger Ernte. Auf aufgeworfenen Hügeln, gewöhnlich die Fronte gegen den Strom gekehrt, von hochwipfeligen Bäumen beschattet, stehen die Farmerhäuser, meist schmucke, mit Veranden umsäumte zweistöckige Wohnungen, umgeben mit üppigen Maisfeldern und Gärten, welche eine im Zickzack fortlaufende Umzäunung aus gespaltenen Zweigen vor den Beschädigungen des Wildes schirmt. Das schönste Landschaftsbildchen der Gegend aber ist eine tiefe und weite Bucht des Felsgürtels selber. Nach außen mit Hochwald eingefaßt, birgt sie eine mit dem reichsten Graswuchs ausgestattete und mit Bosketts von wilden Rosen und anderen blühenden Sträuchern, hie und da auch mit einzelnen Trauerweiden, Eichen und Wallnußbäumen bewachsene kleine Prairie, in der die Gehöfte der Landleute, zwischen hohen Maisfeldern und Obstgärten versteckt, zerstreut liegen. Es machen diese Farms, vereint, die Gemeinde Prairie du Rocher aus, eine der ältesten und wohlhabendsten Niederlassungen der Gegend. Den Namen entlieh sie von dem Felsen, an dessen schützender Wand der erste Ansiedler sein Haus – Barbeau’s Cottage – gebaut hat. Noch ist es Eigenthum seiner Kinder, und mit seiner idyllischen Umgebung und dem den Wiesengrund durchrauschenden Forellenbach, dessen Rand einige Eichen und Trauerweiden zieren, ein Bild seliger Abgeschiedenheit und Ruhe.
Doch war dieses liebliche Stückchen Erde einst der Schauplatz eines grausigen Ereignisses. Ende des vorigen Jahrhunderts, da noch die Gerichtshöfe und Geistlichen von einem Ansiedlerdistrikte zum anderen wanderten, um Gottes Wort zu predigen und Gerechtigkeit zu pflegen, kamen auf einer solchen Tour die Gerichtsherren und der Pfarrer mit ihrem Gefolge und ihren Dienern in diese Gegend. Der Tag war schwül; die Frische des Bachs und der Schatten der überhängenden Felswand waren einladend, – sie machten Halt, ließen ihre Pferde im hohen Grase weiden und bereiteten ihr Mahl. Da ertönte Plötzlich der schrille Laut einer Indianerpfeife aus dem Gestrüpp über dem Felsen, und in demselben Augenblick fällt ein Hagel von Pfeilen auf sie nieder. Die Wenigen, welche nicht getroffen waren, sprangen auf, um zu entfliehen; aber nun stürzten die Rothhäute mit geschwungenen Tomahawks hervor und schlugen sie alle zu Boden. Eine Schaar der Kickapoo-Indianer hatte sie beschlichen. Sie ließen Niemanden am Leben. Doch auch die Rache ließ nicht auf sich warten. Bei der Kunde von dem Geschehenen sammelten sich alle Kolonisten weit und breit mit ihren Waffen auf der Prairie du Rocher, und nicht eher zogen sie
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 42. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/47&oldid=- (Version vom 3.10.2025)