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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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„Ich habe mir’s sauer genug werden lassen“, sagt Goethe von sich im hohen Alter – Goethe, der Dichter und Forscher der Natur und des Lebens. Die Wissenschaft muß dem Dichter, dem Denker, dem Künstler, dem Beschreiber, dem Beobachter die Hand reichen, will er der Dinge Innerstes schauen, will er die ewige Schönheit der Natur klar sehen und immer wiederfinden. Das unbestimmte Ahnen und Fühlen reicht dazu keineswegs aus; das Wandern durch Wald und Flur, über Berg und Thal, auf Strom und See, das bloße Gefallen an der Natur gibt noch lange nicht den hohen, bei jedem Blick sich erneuernden und vervielfältigenden Genuß, welchen das durch die Naturkunde geschärfte Auge der Seele gewährt. Ohne Naturwissenschaft, die ja in unsern Tagen jedem des Lesens kundigen Menschen zugänglich geworden ist, kann man den Dingen nie auf den Grund sehen und das Wie und Warum bei keiner Erscheinung begreifen; mit ihr aber gibt uns die Natur bestimmte, klare Antwort auf jede Frage; wir sehen dem Baume in’s Mark, erkennen in jedem Grashalm die Organismen seines Lebens und die Bedingungen seines Wachsens, lesen in jeder Handvoll Sand die Geschichte der Erde, sehen an jedem Stein die Zeit seines Werdens, im Bau jedes Wurms und Käfers seine Lebensweise, seine Beschäftigungen, und als ewigen Reflex dieser Einsichten bewundern wir Gott, den großen und gütigen Meister alles Erschaffenen. Eine bloß objektive Natur-Anschauung, ohne wissenschaftliches Verständniß, führt zu unklaren, unbestimmten Empfindungen, und bei weichen Seelen zu einer krankhaften Verschwommenheit und Gefühlsseligkeit. Beim Brausen der Wälder und Katarakte, beim Untergang der Sonne und der Betrachtung des Himmels in heller Sternennacht überläuft es sie mit elegischen Gedanken und schmerzlichen Schauern, anstatt daß sie sich erhoben, getragen, verherrlicht und gekräftigt fühlen sollten. „Natur und Leben“, mit den Worten eines Andern zu reden, „sind die beiden großen Spiegel der ewigen Vernunft und Schönheit. Bei dem Ineinandergreifen und dem gegenseitigen Zurückstrahlen dieser Vernunft und Schönheit ist zwischen Natur und Leben keine Grenze, und keines ist ein so eigenes Gebiet für sich, daß man in dem einen zu wandeln vermöchte, ohne das andere entbehren zu können“. Ist es aber des Künstlers höchste Aufgabe, mit schaffendem Geiste sich der Gestalten
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 51. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/56&oldid=- (Version vom 4.10.2025)