Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/76

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

umgeben mit fetten Weiden, auf denen Rinderheerden grasen; auf kanadischer Seite hingegen steigt das Land allmählig empor, bis der Urwald die Höhen kleidet, der eine unbekannte Welt verbirgt. Die rechte Zeit, Brocks Monument zu besteigen, ist ein schöner, sonniger Abend, wenn die Städte und Villen am See wie Feenschlösser in dem Golde der untergehenden Sonne glänzen, die Wohlgerüche der grünen Wälder und Saatfelder den Schauenden umduften und der Hauch des Windes Akkorde in den Baumwipfeln tönt. Auch der verwöhnteste Blick wird dann Befriedigung finden.


Der Niagara hat sich seine Pforte selbst gebaut, und er that’s in origineller Weise. Erie- und Ontario-See haben nämlich einen Niveau-Unterschied von 330 Fuß, und sie find getrennt durch ein Plateau, welches an seiner schmalsten Stelle etwa dreißig englische Meilen Breite hat. Ueber dieses Plateau hin nehmen die Gewässer des höher gelegenen Eriesees ihren Ablauf. Ihr Bett ist tief in die fast horizontal geschichteten Felsen eingesägt. Die obern sind fester Kalkstein; die untern bröcklicher Sand. Eine natürliche Folge dieses Verhältnisses ist’s, daß, wenn die lockern, untern Schichten durch das Wasser unterwaschen, zerstört und aufgelöst worden, die obern, ihrer Stützpunkte beraubt, zusammenbrechen, und hierdurch erklärt sich die Thatsache, daß der Niagarafall, welcher über Kalkbänke hingeht, deren Unterlage jener bröckliche Sandstein ist, in jedem Jahrhundert um nicht weniger als etwa 100 Fuß zurückweicht. Die ganze Form des Strombettes vom Ontario-See an bis zum heutigen Standort der Fälle belehrt den Beobachter, daß einst der Niagara an der Stelle, die jetzt die Pforte zu seinem Eingange in den Ontario-See (vergl. den Stahlstich) bildet, sich von der Zinne dieser (jetzt durchbrochenen) Felsmauer in den See ergossen haben muß. In Folge jenes Prozesses wird nach ein Paar tausend Menschenaltern die bewunderte Naturscene, welche die Touristen aller Länder an die Niagarafälle führt, verschwinden und der senkrechte Wassersturz sich in wild dahinströmende Rapids (Stromschnellen) auflösen, etwas stärker und ungestümer vielleicht, als die sind, welche man heute in dem obern Strombette sieht, wo sie mit wildem Brausen Wellen von 10 Fuß Höhe und darüber werfen. –

„Zweitausend Menschenalter“, werden Manche ausrufen, „ist ja eine halbe Ewigkeit!“ Und doch, wenn wir auf die enthüllten Räthsel der Erdgeschichte sehen, wie klein erscheint dann ein solcher Zeitraum. Die ganze Ausgrabung des Niagarabettes, welche, nach historischem Maßstabe, so unendlich lange gedauert hat, fällt nur in die jüngste der geologischen Perioden. Zur Zeit, als die colossalen Dickhäuter, deren Knochen in den Alluvien dieser Gegend häufig vorkommen, auf dem Plateau weideten, hatte der Niagara den Auswaschungsprozeß eines Bettes kaum begonnen. Noch ist seine Arbeit nicht vollendet und doch hat sie schon ein Paarmal hunderttausend