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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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erscheint wie ein abgelebter Greis; manches wie ein todtkranker Mann, und die moderne Staatskunst, die, als Arzt, ihm helfen soll, verfährt mit ihm wie ein Quacksalber. Mit Opiaten wüthet sie gegen die Symptome und die Grundursachen des Uebels läßt sie unangetastet. Verwüstet, kraftlos, abgefallen, bis in’s Innerste zerrüttet, siechen die Kranken hin unter dieser Kur, und selbst viele derjenigen Nationen, welche sich einer festern Gesundheit erfreuen, genießen ein nur zweifelhaftes Glück. Der in der langen Friedensperiode, während der Jahre eines wenn auch nur langsamen Fortschritts zu freieren Zuständen, gewachsene Volkswohlstand ist sichtlich wieder im Sinken; innerlich auszehrend, äußerlich welkend, wird die Gesellschaft, wie ein Nervenkranker, von jeder äußeren Bewegung fieberhaft erregt; ein verborgener Brand zehrt an ihrem Marke; sie ackert und pflügt zwar die Felder der Arbeit mit altem Fleiße; aber die schmächtigen Halme geben nur kümmerliche Ernten: denn der Muth ist hin in gar Vielen mit der Hoffnung, die Zufriedenheit mit der Freudigkeit, das Gottvertrauen mit der Frömmigkeit: und ohne ihr Zuthun ist ja in dem Schaffen der Menschen kein Segen. Finstern Blicks schaut mancher rechtschaffene Mann nach Trost; er sieht keinen; aber verruchte Arglist sieht er am Spieltisch sitzen und den Einsatz gewinnen. Die Welt scheint umgekehrt, vergessen die Geschichte und ihre Lehre: – „jede Tücke fällt auf das Haupt ihrer Urheber zurück“ – sie ist verlacht wie ein Ammenmährchen.
Ammenmährchen? – Nun ja, ein Mährchen will ich Euch erzählen, das Mährchen vom deutschen Parlamente. Glaubt Ihr noch an Mährchen? Tausende gibt es, und unter diesen gar ehrenfeste Leute, die über nichts mehr erröthen, als über das Eine: daß sie das Mährchen einmal geglaubt haben! – – –
Es war einmal eine Zeit voller Schlechtigkeit und Trübsal. Da saßen Lüderlichkeit und Verschwendung auf vielen Thronen, und Steuern und Gaben drückten viele Völker zu Boden und machten sie arm und elend. Es half kein Fleiß und kein Geschick. Die Steuererheber und Exekutoren spürten jeden erworbenen Pfennig aus, und zwackten ihren Theil davon, daß den Fleißigen nur das Leben blieb. Am schlimmsten waren die Franzosen daran in dieser Zeit und ihr Elend stieg so hoch, daß es zum Erbarmen war.
Der Bogen bricht, der zu sehr gespannt wird. Wie das Kreuz so groß und schwer geworden, daß es nicht mehr zu ertragen war, da gedachten die Franzosen des Beispieles der Schweizer zu Geßlers Zeit und suchten das Joch abzuschütteln. Das war schwere Arbeit und erforderte viel Blut, große Opfer und lange Zeit. Die Geschichte nennt das die erste französische Revolution.
Als das Wetter losbrach, da erschraken die Nachbarn des Franzosenkönigs; denn manche dachten, es könnte ihnen auch widerfahren, „Helfen wir ihm“, sagten sie, „daß kein bös Beispiel gegeben sey“. Und sie thaten sich zusammen,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 78. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/83&oldid=- (Version vom 5.10.2025)