Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/84

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

und erklärten den rebellischen Franzosen den Krieg. Ihre Heerschaaren brachen über die Grenzen des Landes, damit sie es züchtigten und wieder in das Joch brächten. Da mußten viele Hunderttausend Männer vom Pflug und Webstuhl, von Frau und Kindern in’s Nachbarland, das ihnen nichts zu leid gethan hatte, es zu ketten und zu drangsalen, Alles um deswillen, weil es seinen König nicht mehr leiden und eine Herrschaft nicht mehr haben mochte, die ihm unerträglich geworden war. Die Franzosen aber wehrten sich tapfer gegen alle fremden Heere, und wenn diese auch manche Schlacht gewannen, so verloren sie noch viel mehre und das Ende war, daß, nachdem viele Hunderttausende den Versuch, den Franzosen einen König aufzuzwingen, mit ihrem Leben bezahlt hatten, die Angreifer sich zu schimpflichen Friedensschlüssen bequemen mußten. Deutschland bezahlte die Zeche; es trat den Franzosen seine schönsten Länder am Rhein ab. Viele Millionen Deutsche wurden dadurch zu französischen Republikanern gemacht über Nacht, deutsche Ländernamen verschwanden von der Landkarte, und es wurden französische Provinzen daraus.

Unter dem Druck verdirbt jedes Volk und die Franzosen hatten die Knechtschaft nur allzu lang ertragen. Sie waren nicht wie die Schweizer Hirten und Bauern, fromm, treu, bieder, einfach in ihrem Leben und ihren Wünschen und rein in ihren Sitten. Das Franzosenvolk war verdorben durch das Beispiel seiner Herren, und die verkehrte Zucht. Auch die Freiheit braucht lange Zeit, um eine verdorbene Nation besser zu machen. Ehe es aber so weit kam, da faßte ein kühner und großer Kriegsheld, im passenden Augenblicke, die Zügel der republikanischen Regierung. Napoleon Bonaparte setzte sich fest in den Sattel; er ward Konsul, bald auch Kaiser über Frankreich. Den schlacht- und sieggewohnten Heerschaaren der Franzosen aber zeigte der neue Herrscher die Länder der Nachbarn und rief ihnen zu: „Zieht hinaus und macht sie Frankreich dienstbar!“ Da brachen sie heraus und fielen, wie die Heuschrecken über die Saatfelder, über die Länder her, um da zu hausen und zu wirthschaften, wie die Nachbarn vordem bei ihnen selbst gethan hatten; und es wurde also wiederum wahr, daß auf verübtes Unrecht die Vergeltung nicht ausbleibe. Belgien, Holland, Italien kamen unter das französische Joch; die deutschen Fürsten waren uneinig unter sich – und als Napoleon ihnen die Wahl ließ zwischen Bundesgenossenschaft und Feindschaft, so sagten sich die Meisten los von Kaiser und Reich und machten Frieden und Freundschaft mit dem fremden Eroberer. Der nannte sie Souveräne, setzte ihnen Königs- und Herzogskronen auf, – spannte sie in sein Joch und die Herren ließen sich’s gefallen, Ketten unter dem Purpurmantel zu tragen. Dies war die Zeit des Rheinbunds, die Zeit der deutschen Schande, die Zeit der Zerstörung von Allem, was von der alten Volksfreiheit noch übrig war im deutschen Lande. Die Fürsten des Rheinbunds hatten von ihrem Herrn und Meister Macht und Gewalt bekommen, nach unten jeglichen Kitzel der Herrschsucht zu befriedigen; hingegen nach oben waren sie zu unbedingtem Gehorsam pflichtig. Wollte der Franzosenkaiser mehr