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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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des deutschen Volkes. Glücklicher Weise wurde die Vokation nicht streng genommen. Es fanden sich viele Männer in Frankfurt ein, die ihre Berechtigung lediglich in dem Adel ihrer Gesinnung, in ihrem früheren öffentlichen Wirken und in der Hochachtung bei sich trugen, die ihnen von ihren Mitbürgern gezollt wurde. Diesen Unberufenen wurden die Pforten der Paulskirche so wenig verschlossen, als den Männern entgegengesetzter Richtung, welche die deutschen Regierungen selbst zum Vorparlamente schickten.
Die Frankfurter Paulskirche, die sich durch Bauart und Größe als ein passender und würdiger Raum für die Aufnahme einer Versammlung empfahl, welche die größte, schwerste und folgenreichste Aufgabe des Vaterlandes zu lösen hatte, empfing die für ihre neue Bestimmung erforderliche Einrichtung und in den letzten Märztagen zogen fast 600 Volks- und Regierungsboten aus allen Theilen Deutschlands der Kaiserstadt zu. Alle politischen Meinungen waren vertreten. Man sah die alten Degen der Volksfreiheit, Arndt, Jahn und die anderen Grauköpfe, die schon vor 30 Jahren auf der Bresche gestanden, neben den feurigen Wortführern der jüngsten republikanischen Ideen, den Gleichmachern und Stürmern, Struve, Hecker und Genossen; aber auch Kirche und Staat hatten aus ihren Freunden und Dienern ein zahlreiches Kontingent geschickt. Der Bundestag selbst, von dem Bewußtseyn überwältigt, daß er in seiner bisherigen Zusammensetzung eher Haß und Mißachtung als Vertrauen einflößen, und ganz ohnmächtig sey, – auch er hatte sich beeilt, sich durch populäre Elemente zu kräftigen. Er gesellte sich sogenannte Vertrauensmänner zu, welche, wie Gagern, Jaup und Uhland, das Volk hochschätzte, und durch Entfernung seiner anrüchigsten Glieder, an deren Stelle Männer wie Welker, Klosen und Jordan berufen wurden, suchte er eine Aussöhnung mit der öffentlichen Meinung zu erringen.
Das schlimmste Omen in dieser Zeit war der sichtbare Mangel an klaren Ideen über die Gestaltung der deutschen Zukunft. Keine Partei wußte recht, was sie wollte und sollte. Im Volke lebte zwar das unheimliche Gefühl der Unverträglichkeit der alten Zustände mit dem Neuzuschaffenden in dunkelen Vorstellungen; aber massenhaft war die Verwechselung des Begriffs der Freiheit mit dem der Zügellosigkeit und Anarchie. Fürsten und Regierungen, ihres Nimbus entkleidet, sie trieben auf den Wogen der Ereignisse als Wracks, ohne Mast und Steuer, dahin; und die besitzenden Klassen, ungewiß der Zukunft, und in beständiger Furcht vor dem Chaos, überlieferten sich dem Schrecken oder der Muthlosigkeit. Das Geld entzog sich dem Umlauf, der Kredit hörte auf, Handel und Wandel wurden Tag für Tag geringer und beschränkter und ihr Lebensfeuer sank nach und nach zu einem phosphoreszirenden Schein herab. – Die Mittelklassen gebärdeten sich wie Wechselfieberkranke; bald überflog sie die Revolutionshitze, bald machte ihnen die Furcht vor den Schauern des Despotismus Zähneklappern, welche nicht ausbleiben würden, wenn es den Regierungen gelänge, die Revolution zu erwürgen. Geldsack, Büreaukratie und Adel aber sahen in
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 85. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/90&oldid=- (Version vom 5.10.2025)