Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/91
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
|
|
der allgemeinen Entwerthung der Staatspapiere, der Waaren und Güter, und in der Gewißheit, daß der Verlust ihrer Privilegien und Standesvorzüge unvermeidlich sey, mit Schrecken auf die Zerstörung von Dem hin, was ihnen über alles Andere werth war, – sie gingen der Zukunft, als wäre sie eine den allgemeinen Ruin herbeiführende Katastrophe, zitternd entgegen.
So war die Gesellschaft in Deutschland zu Ende März beschaffen. In Flammen loderten viele Lebensgeister; aber jene Flammen waren Flackerfeuer, und vom thatkräftigen Trieb, durch ernstes praktisches Zusammenwirken ein neues freudiges Volksleben zu begründen, war wenig zu spüren. Die Kräfte zersplitterten sich, hie und da gingen sie in offener Feindseligkeit auseinander. Unstätigkeit und Hastigkeit, Unklarheit und Unsicherheit drückten sich schon damals in vielen Erscheinungen der Bewegung aus. Die grundsatzlose Masse neigte sich mehr und mehr zur Zügellosigkeit, und wenn ihr die Vernünftigen mit Festigkeit entgegentraten, murrte sie, wendete sie sich, erkaltet, von der Revolution ab, und verrieth oft sogar ein Zurücksehnen nach den Fleischtöpfen der ägyptischen Dienstbarkeit. – Kein Volk kann die Freiheit genießen ohne Vorbildung für die Freiheit. Ohne daß vorher eine tüchtige politische Bildung Wurzel geschlagen hat, wird ein revolutionäres Volk die Freiheit nur unvollkommen erkennen, ehren und ertragen; es kann das Recht, das sie giebt, nicht fassen; es kann die Pflichten und Opfer, die sie auflegt, nicht erfüllen, das Glück der Freiheit ist ihm ein verschlossenes Buch. –
Der 31. März war angebrochen. Es war ein Tag, blau, klar, sonnig, so recht gemacht zur Feier. Die alte Kaiserstadt hatte ein Festgewand angelegt, schön, wie sie je eins getragen. Jedes Haus hatte sich in grünes Laubwerk und bunte Teppiche gekleidet, Triumphbogen prangten auf Straßen und Märkten, Ehrenpforten waren alle Thore, lustig flatterten schwarz-roth-golden die Fähnlein aus allen Fenstern und die riesigen dreifarbigen Flaggen mit dem Reichsadler wogten von allen Thürmen. „Der deutsche Volksfrühling ist angebrochen, und Gott hat seinen Wohlgefallen daran; darum giebt er uns schon im März einen Maitag!“ – so rief man sich zu, angehaucht vom belebenden Lenze und getragen von der Freude und der Hoffnung. 6000 frankfurter Bürger, geschmückt wie zur Hochzeit, bildeten Spalier für den Zug der 600 deutschen Männer, der nach dem Römer sich bewegte, dessen Kaisersaal zu ihrem Empfang bereitet war. Unabsehlich Volk war schon vor Tagesanbruch aus Nah und Weit Frankfurt zugeströmt, und als sich um 8 Uhr der Zug in Bewegung setzte, drängten sich mindestens 100,000 Menschen in den Straßen, und ihr Hoch, wenn einer der Lieblinge der Nation ansichtig wurde, wollte kein Ende nehmen. In den Jubel hallte der Kanonendonner, der erste, der die Majestät des deutschen Volks salutirte. Alle fremden Gesandten und fremden Konsuln hatten ihre Wohnungen festlich geschmückt. Am herrlichsten prangte das amerikanische Gesandtschafts-Hotel. Auf dessen Zinne wehte das riesige Unionsbanner der Freistaaten mit den gold’nen Sternen auf himmelblauem Grunde und mit dem Adler der Freiheit, welcher das Pfeilbündel umschlungen hält, mit dem Wahlspruch: „In pluribus unum“. „Einheit in der Vielheit – das ist ja auch unser
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 86. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/91&oldid=- (Version vom 5.10.2025)