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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
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Reaktion und Anarchie gestellt worden, entbehrten jedoch des sichern Bodens juristischer Berechtigung und des Bewußtseyns vollständiger Anerkennung ihrer Autorität. Fast täglich hatte der Ausschuß mit Proklamationen und öffentlichen Abmahnungen gegen die Unordnung zu kämpfen; noch schwieriger war sein Streit mit den Reaktions-Gelüsten der Regierungen und des Bundestags, und oft mußte er diesen durch die drohende Hinweisung auf seine Macht, der es nur eines Winkes kostete, die deutschen Bastill- und Thronstürmer in Masse aus der Erde wachsen zu machen, zu imponiren suchen. Dennoch konnte er die Vertagung in der Berufung des verfassunggebenden Parlaments vom 1. Mai auf den 18. nicht verhindern. Er fand im passiven Widerstand vieler Regierungen, welche sich nur nothgedrungen zur Vornahme der Parlamentswahl herbeiließen, ein unübersteigliches Hinderniß. Am hartnäckigsten widerstrebte Oesterreich; trotz seiner durch den Aufstand in Italien gefährdeten Lage, mochte es nicht einmal von dem angebotenen Beistand hören, als ein Aufruf der Fünfziger bei der Bedrohung Tyrols ihm Deutschlands Hülfe zusicherte.
Unter solchen Zuständen nahte der Tag heran, der der Mission der Fünfziger ein Ende machen sollte. Ihre letzten Tage waren der Vorbereitung für den Zusammentritt der Nationalversammlung gewidmet. Der Ausschuß schloß seine Sitzungen am 18. Mai, am Festmorgen der Eröffnung des deutschen Parlaments. Das war ein schöner und großer Tag „trotz alledem!“ Unter Blumen und Laubgewinden, unter Glockengeläute und Kanonendonner, unter dem Lebehoch von Hunderttausenden zogen die Erwählten der Nation baarhäuptig in den geschmückten Tempel der Freiheit, in welchen die Paulskirche umgewandelt worden war. Heinrich von Gagern nahm den Präsidentenstuhl ein. Er sprach: „Wir haben das größte Werk zu vollenden, zu dem jemals deutsche Männer berufen worden sind. Ruf und Vollmacht empfingen wir von der Souveränität der Nation. Deutschland will Ein Reich seyn, Ein Volk. Es soll dies werden durch die Verfassung, die wir aufrichten“. – Als sich aber der Bischof von Münster ernst erhob, und ermahnte, daß die Werkleute durch Abhaltung einer gottesdienstlichen Feier die höhere Weihe für ihre Aufgabe anrufen und empfangen sollten, sagte Raveaux: unser Gebet sey: „hilf dir selbst, so wird dir Gott helfen!“ – –
Noch war der Monat der Eröffnung nicht zu Ende, und schon war das Parlament in Parteien gespalten, deren Bestrebungen sich scharf von einander absonderten. Was mit landsmännischen Vereinigungen angefangen hatte, hatte sich schnell zu politischen Faktionen ausgebildet, die, fest gegliedert, jede schwebende Frage vor der öffentlichen Diskussion in ihren Versammlungen abthaten und die Debatte in der Paulskirche allmählig zu einem Schattenspiel herabwürdigten. Starrer und liberaler Konservatismus, die Royalisten und die Konstitutionellen verschiedener Schattirungen, die Demokraten von Jenen an, welche noch von der Möglichkeit einer Vereinigung der Volksherrschaft mit monarchischen Staatsformen träumten, bis zu den Männern, welche in der Socialrepublik das einzige Heil des Vaterlandes suchten, hatte jede Partei ihr besonderes Hauptquartier, und alle Tage schwand die Neigung mehr und mehr, partikularistische Meinungen den allgemeinen Interessen der Nation zu opfern. Die Diskussion über die Gesammtverfassung Deutschlands rauschte wie ein ausgetretener Strom in unübersehlicher
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 88. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/93&oldid=- (Version vom 6.10.2025)