Seite:Meyers Universum 16. Band 1854.djvu/95
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band | |
|
|
Rechnet man für jeden derselben nur 12 Redner, so kamen 4200 Reden heraus – und als Zeit für das Ende der Berathung erschien das Jahr 1849, ein Kalkül, das wenig von der Wirklichkeit differirte. Doch der Heldenmuth der Eitelkeit und Ehrsucht – (das Verlangen, sich durch spaltenlange Reden in die Unsterblichkeit der stenographischen Berichte zu schmuggeln, war zur Manie geworden!) – scheute vor diesem Schreckbild nicht zurück. Jeder Antrag, der die einströmende Fluth hätte beschränken und dämmen können, wurde von der Versammlung zurückgewiesen.
Endlich stieg die Ungeduld des Volks zum Murren – und während die hohle Phrase in der Paulskirche unbestrittene Herrschaft übte, fing es draußen an ihren Pforten zu lärmen und zu toben an. Die Massen wurden unruhig. Man mißtraute dem guten Willen der parlamentarischen Majorität, man munkelte vom Einverständniß derselben mit den Regierungen, welchen die wachsende Mißachtung der frankfurter Versammlung lieb war. Die anfänglich schwache republikanische Partei gewann nun innerhalb wie außerhalb des Hauses an Zahl und an Stärke. In Frankfurt selbst hatte sich ein Demokratenkongreß aus ganz Deutschland versammelt. Offen und furchtlos trat er dem Treiben der Majorität in St. Paul entgegen. Er verfolgte ihre Absichten mit der bittersten Kritik, er denuncirte ihre Unfähigkeit den Massen, er höhnte sie in Zeitungsartikeln, Flugblättern und Maueranschlägen. Die Spitzen der demokratischen Minorität des Parlaments leiteten diese kecke Bewegung. Die urtheilslose Menge gewöhnte sich daran, in der parlamentarischen Majorität Verräther des Vaterlandes zu erblicken.
Während so der Versammlung der Boden unter den Füßen schwand, ging die Staatsordnung in vielen deutschen Landen mehr und mehr aus den Fugen. Alles hielt nur noch wie durch eigenes Gewicht am Schwerpunkt der Gewohnheit. Erhob sich dann aus dieser uferlosen Bewegung bald da, bald dort ein Nothschrei, so sollte das Parlament der Helfer seyn in der allgemeinen Angst, und wider Willen sah es sich zuweilen genöthigt, das Selbstregieren zu versuchen, was jedoch oft bloß zu einer Manifestation seiner Ohnmacht und Unfähigkeit Gelegenheit gab. Mit dem schleppenden Gerede über Grundrechte gingen Tag für Tag, Monat für Monat hin, bis denn endlich die Majorität nicht länger ihr Ohr Dem verschließen konnte, was draußen von allen Dächern gepredigt wurde. Nun auf einmal schickten sich die Erschrockenen an, alles mit kurzer Hand abzumachen und an’s Ende zu kommen. In dieser Lage erschien der erste, schwache republikanische Aufstand in Baden – Heckers Zug – der Majorität wie ein God send. Aber statt zu warnen, schöpfte sie aus dem leichterrungenen Sieg neues Vertrauen in ihre Macht und Sicherheit. Sie lernte die Unzufriedenheit mit Gewalt unterdrücken; sie requirirte die Bataillone der Fürsten gegen jede Volksbewegung in ihrem Bereiche. Sie sah nicht ein, daß sie sich eben dadurch der Quelle ihrer Macht entfremdete. Der Volksunmuth brandete in immer höhern Wogen und die Fluth durchbrach den Damm, als die Majorität jenen berüchtigten Vertrag von Malmoe sanktionirte, welcher das deutsche Schleswig zur dänischen Provinz machte. Am 16. September Abends, unmittelbar nach der Abstimmung, organisirte sich der Aufstand. Den nächsten Lag, nach einer Volksversammlung
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1854, Seite 90. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_16._Band_1854.djvu/95&oldid=- (Version vom 6.10.2025)