Seite:Meyers Universum 17. Band 1856.djvu/116
| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
|
|
geschütztere und ergiebigere Wohnsitze bieten, als die alten Kulturstaaten Europa’s. In drei großen bestimmt abgegrenzten Terrassen steigt das Land von Südosten, am mexikanischen Golf zu den Gebirgen und großen Strömen seiner nordwestlichen Grenze empor. Jede dieser Terrassen hat ihren eigenthümlichen Charakter, ihre üppige Vegetation, ihr besonderes Klima. Ein 30 bis 60 Meilen breiter Gürtel des fettesten Alluvialbodens umgiebt den Fuß des Landes, der das Meer bespült; dieser Wald von uralten Cedern und Lebenseichen harrt noch der Art, um Schiffe daraus zu zimmern, und meilenlange Marschen und Rohrbrüche, welche in die Flußthäler hinaufreichen und an Fruchtbarkeit mit den Niederungen des Mississippi rivalisiren, warten noch des Saatkorns und der Pflege des Pflanzers, um in blühende Reis-, Zucker- und Baumwollplantagen verwandelt zu werden. Der Ueberfluß an gesunderen Gegenden hält die Ansiedelung noch von den Niederungen fern und nur in den oberen Flußthälern wird der Alluvialboden zum Anbau von Zuckerrohr benutzt. Dagegen ist das wellenförmige Land, das eigentliche mittlere Texas, welches die zweite Staffel bildet und sich 150 bis 200 Meilen breit durch den ganzen Staat erstreckt, das Herz seiner Kultur – ein Paradies an Lieblichkeit der Landschaft, Ergiebigkeit des Bodens und Heilsamkeit der Luft. Gar anmuthig wechselt die ewig frische Prärie mit dem duftenden Haine der umhergestreuten Bauminseln, hochgewachsenen Stämmen ohne Unterholz und schön geschwungenen Hügeln mit Buschwerk bewachsen; zahlreiche Quellen und rasch fließende Ströme bewässern und durchfurchen das Land nach allen Richtungen und die Winde, die Jahr aus, Jahr ein, über die Hochplateaus Mexiko’s und des nördlichen Texas streifen, wehen unvergängliche Frische über die Vegetation und gießen Kraft und Gesundheit in alles animalische Leben. So berühmt schon ist die Luft der Prärien geworden, daß die Aerzte aus den nördlichen Staaten ihre Patienten in Menge nach diesem Theil von Texas schicken, um Heilung für ihre kranken Lungen zu suchen. An Erzeugnissen ist der Prärieboden, wenn er umbrochen wird, fast eben so reich, als das Alluvium der Niederungen; alle Getreidearten geben jährlich doppelte Ernten. Die Baumwolle, der Stapelartikel des Landes, wird gleich der besten auf dem Markt geschätzt und Tabak, Wein, Maulbeeren, Farbstoffe und Droguen, die zum Theil wild, in luxuriöser Ueppigkeit allenthalben wachsen, versprechen noch wichtige Produkte des Anbaues und der Ausfuhr zu werden, sobald sich nur hinreichend Hände dafür finden. Die Rinderzucht gedeiht, wo sie versucht wird, fast wie in dem Pampas von Südamerika; der Mangel an Verwendung macht sie noch zum Ueberfluß; die Pferde, Abkömmlinge der spanischen Raçen, schweifen wild in großen Heerden im Lande umher und sind noch ein werthloses Gemeingut eines Jeden, der den Lasso zu handhaben versteht. Im Nordwesten erhebt sich das Prärieland zu einer Hochebene, die sich bis zu den Gebirgen im Norden erstreckt, von denen die Quellen der großen Ströme, des Brazos, Guadeloupe, Trinity und anderer sich ergießen. Das Hochland ist noch die Heimath der westlichen Romantik, der Jagdabenteuer und Indianerkämpfe, der Weglagerer und Gefahren. Doch hat die Civilisation ihre Posten auch schon in diese Wildniß vorgeschoben und hauptsächlich sind es Deutsche, die dort
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 108. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/116&oldid=- (Version vom 14.11.2025)