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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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Impulse, großer Ideen, großer Menschen und großer Werke. Sie ist längst begraben. Die verödeten Tempel, die verschütteten Statuen, die eingesunkenen Arkaden, die verfallenen Amphitheater, die vergras’ten Arenen und Rennbahnen sind nur noch die Leichensteine, die ihre Grabstätte bezeichnen. Später folgte eine Zeit neuer Ideen, neuer Erscheinungen im Volksleben. Heere frommer Beter bedeckten die Landstraßen, pilgerten nach den heiligen Stätten, über denen zur Ehre des Christen-Gottes herrliche Dome zum Himmel ragten und hohe Kuppeln sich wölbten. Da wogte ein Meer von Lichtern und eine Fluth von Engelstönen durch die Hallen, der gläubige Sinn weihte Hab und Gut, Genie und Geschick der Verherrlichung der Symbole seines Glaubens und wetteiferte in dem Glanz und der Pracht seiner Abteien und Klöster, Basiliken und Kapellen, Krypten und Mausoleen. Auch diese Zeit ist im Ersterben, die Ideenwelt, die sie belebte, im Erlöschen und die schöpferische Kraft, die ihren Boden mit Werken der Kunst bepflanzte, im Versiegen.
Der herrschende Geist der Zeit ist’s allein, der seine Ideen in Formen der Kunst ausprägt und die Baukunst ist’s vorzugsweise, in der sich jener Geist am festesten und deutlichsten verkörpert. Wie prägnant scheidet sich in der Kunst die heidnische von der christlichen Richtung, wie bestimmt stellt sich in seinen Monumenten das heitere Götterthum von Hellas dar gegen den düstern Apisglauben der Aegypter, oder die luxuriöse Genußreligion der Römer gegen den feierlichen Ernst des Katholicismus! Nicht minder deutlich spiegelt sich in der Baukunst die Geschichte ab. Die Eigenthümlichkeiten der Nationen, ihre Denk- und Vorstellungsweise, ihre Bedürfnisse, die Zone, der sie angehören, finden in ihren Baustylen Ausdruck; sicher begleitet ihren Kulturgang, ihr Auf- und Niedersteigen und ihre Blütheepochen die Entwickelungsgeschichte ihrer Architektur, in ihren naiven, kindlichen, einfachen Anfängen, in der Fülle und im Reichthum ihrer Formenentfaltung, in ihrer Ueberladung mit Putz und Ornamenten, in der Verarmung der Ideen, in ihrem Zopf- und Schnörkelthum, in ihrem endlichen Versinken zur Unnatur und Häßlichkeit: – immer kommen die Formen naturwüchsig aus dem Boden der Kulturentwickelung, immer sind sie ein unzertrennlich mit ihr verwachsenes Element gewesen, immer leitet ein historischer Pfad durch alle ihre Phasen.
Fragen wir aber nach einer Kunst unserer Zeit, namentlich nach einem Baustyl, welcher den Geist unserer Zeit versinnlicht und vom Genius unserer Kultur getragen wird – was ist die Antwort: Es gibt keine lebende Baukunst. Unser Zeitgeist ist ein Geist, der zerstört, aber nicht schafft, ein Geist der Negation, ein Geist der Kritik, der die herrschenden Ideen ihres Thrones entsetzt, aber keine neuen ideellen Autoritäten an deren Stelle führt, – es ist ein Geist der Fäulniß und Zersetzung, dessen Keimkraft noch im Embryo schlummert. Woher soll das Kunstwerk kommen, wenn die Idee fehlt, woher die Puppe, wenn die Raupe ein leerer Balg ist, woher die neue Form für ein Wesen, das noch nicht geboren ist? Wohl ist unsere Zeit fruchtbar an großen Bauwerken und reich an Baukünstlern; was sind diese aber gewöhnlich? Nichts anders als Kunstliebhaber, die wählerisch in den alten Formen umhersuchen, um Altes nachzubilden.
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 114. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/122&oldid=- (Version vom 14.11.2025)