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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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Wieder eine Hieroglyphe aus der Geschichte „des Vaters der Ströme“. Ohne Zucht und ohne Ordnung, wie ein paar wilde ungeberdige Knaben, schweifen die beiden Zwillingsbrüder, der Mississippi und der Missouri, kreuz und quer, vor- und rückwärts, in tausendfältigen Windungen und Zickzacks, über die Prärien des westlichen Amerika; heute da, morgen dort, bald in tollen Sprüngen sich über die Felsen schnellend, bald träge sich auf sandigem Bette streckend, bald ungestüm durch enge Bergschluchten stürzend, bald zum weiten See sich dehnend, hier in seinen Ufern wühlend, dort Sand- und Kiesbänke aufschichtend, auf der einen Seite Bäume, Waldgründe und Felder wegreißend, um sie am anderen Ufer anzuschwemmen, den Peter beraubend, um den Paul zu bezahlen, wie ein Yankee-Sprichwort lautet, – so treiben sie ihr tolles Spiel, und erst nach ihrer Vereinigung werden sie manierlicher und befleißigen sich einer gesetzteren Lebensweise.
Ein Höhenzug, welcher von der Missouri-Seite her den Strom begleitet, bildet hier ein jähes Vorgebirge von mehren hundert Fuß Hohe und setzt, in einer Reihe von hohen Felsensäulen, wie in Sprüngen über nach dem jenseitigen Ufer von Illinois. Ueber dieses früher zusammenhängende Felsen-Wehr machte der Strom in grauer Vorzeit einen Sturz, der an Wassermasse, Ausdehnung und Großartigkeit den Niagara-Fall weit übertroffen haben muß. Es ist glaubhafter, daß ein Erdbeben, als die waschende Fluth, den Damm in Trümmer gelegt hat, von dem noch die Pfeiler an beiden Seiten der Ufer und gruppenweise im Strombett sich erhalten haben. Die Höhe der Wassermarken, die man deutlich 140 Fuß über dem jetzigen Strom-Niveau an den Resten des großen Parapets erkennt und an der Fortsetzung des Höhenzuges zu beiden Seiten verfolgen kann, steht genau mit der Ausdehnung des jüngeren Alluviums oberhalb in Uebereinstimmung und weist nach, daß hier der Ausfluß eines weiten Sees Statt hatte, dessen Ufer die bis zum Missouri und Illinois sich vorfindenden Bluffs bildeten. Nachdem die Schranke niedergerissen war, welche den Abfluß nach Süden sperrte, entleerte sich der See bis auf sein jetziges Strom-Rinnsal. Nur im Frühjahr bisweilen, während des Eisgangs, baut sich zwischen den Engen der isolirten Felsen ein Damm aus Eisschollen auf, thürmt sich höher und höher mit der stauenden Fluth und verwandelt auf ein oder zwei Monate lang das weite Bottomland wieder in Seegrund, so täuschend wahr, wie es vor Jahrtausenden beständig gewesen seyn mag.
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 116. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/124&oldid=- (Version vom 14.11.2025)