Seite:Meyers Universum 17. Band 1856.djvu/131
| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
|
|
und Pfaffenthum im engsten Bunde alle Pest-Miasmen über dieselbe ausgießen; möge der finstere Zelotismus seine Furien gegen sie loslassen; möge die Gewalt das Schwert gegen sie ziehen; mögen alle Söldner der Arglist und Perfidie gegen sie ausgeschickt werden, sie zu bezwingen: doch wird der Kampf für sie mit dem endlichen Siege endigen, doch wird der Zukunft die Gewißheit erobert werden, daß keine Tyrannei ferner in der Geschichte geduldet wird. Die Hoffnungen der künftigen Geschlechter knüpfen sich an diesen Sieg. Er liegt zwar noch fern im Morgenroth; Abend ist’s und Mitternacht ist noch nicht hereingebrochen; noch hat die höllische Leidenschaft nicht ausgetobt. Die Trugkünste der Gewalt sind noch nicht bankerott geworden, die Nichtswürdigkeiten der Hof- und Kirchen-Politik tragen noch unverholen die Häupter stolz empor, und ihr Streben, den Geist entweder dem Fleische, oder dem Aberglauben und der Unvernunft dienstbar zu machen, stellt sich unverholen zur Schau, als sey ihnen das Ziel unfehlbar. Wird doch sogar schon Das, was die äußerste Mäßigung an Reformen begehrt, als hochverräterische Anmaßung betrachtet, weiß sich doch, im Uebermuthe des Selbstgefühls, die Reaktion nicht mehr zu halten, entwickelt sie doch eine Zerstörungskraft, die furchtbarer in ihren unausbleiblichen Folgen ist, als die Revolution selber. Da hilft kein Warnen mehr. Einem finstern dämonischen Geschicke verfallen, gräbt sie sich selbst den Abgrund, der sie verschlingen wird, wenn einst geschieht, was nicht ausbleiben kann, nachdem es zum Aeußersten gekommen.
Oder kann, frage ich, je eine billige Mitte gefunden werden zwischen Denen, die nichts gestatten und Denen, die Alles fordern? deren Habsucht nach Allem gelüstet, und Denen, die jede Forderung verneinen? zwischen den Leidenschaften, die sich beständig einander herausfordern und sich verfolgen? zwischen der Gewalt und Denen, welche die Gewalt fürchten? zwischen Tücke und Bosheit, zwischen Argwohn und Arglist? zwischen Denen, die das Recht der freien Selbstbestimmung negiren und in Ketten legen und Jenen, die auf gänzliche Unbotmäßigkeit hinarbeiten? Wenn man thöricht den Ideen entgelten läßt, was die Menschen verschuldet haben; wenn man, statt mit Vorsicht alles Brandige auszuschneiden und die heilende Salbe auf die Wunde zu legen, mit unverständigem Messer in den gesunden Lebenstheilen wühlt; wenn man, anstatt die streitenden Elemente der Gesellschaft durch eine schonende und gerechte Würdigung und durch Weisheit zu versöhnen, sie zur höchsten Erbitterung gegen einander aufstachelt; wenn man die Gegensätze derselben auf die Spitze treibt, so daß sie, äußerlich wie innerlich gespalten, aus einander reißen müssen: so wird und muß der Tag kommen, wo die alte Gesellschaft vor der Zeit an ihren Wunden verblutet, ehe der Lebenskeim der neuen stark genug geworden ist, um zum kräftigen Stamme aufzuschießen. Und dann wird die Gesittung still stehen auf lange Zeit, und während durch der Anarchisten Vandalen-Hände ihre alten Formen in Trümmern gehen, wie durch die Barbaren in den letzten Tagen Roms es geschah – so werden Völker und Dynastien einem Geschicke verfallen, an das man ohne Grauen nicht denken kann.
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 123. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/131&oldid=- (Version vom 15.11.2025)