Seite:Meyers Universum 17. Band 1856.djvu/134
| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
|
|
Ufer felsig; auf steiler Höhe ragt malerisch über ein Baumgewölbe die Ruine einer alten Römerburg und zu ihren Füßen kauert ein Dörfchen, über dessen niedrigen Dächern in der Ferne die Minarets und Thürme einer großen Stadt am Horizonte schimmern. Es ist Widdin. Mit seinen Brückenkopf Kalafat auf walachischer Seite ist es, nach Belgrad, das festeste Bollwerk der türkischen Donauländer.
Widdin, wie alle Städte Bulgariens, ist seit Jahrhunderten in Wohlstand und Bevölkerung zurückgegangen, und so prächtig es aus der Ferne sich ausnimmt, so häßlich erscheint es, wenn man ihm näher in’s Gesicht schaut. Schmutz, Vernachlässigung und Verfall machen sich überall kenntlich. Desto schöner ist die Natur der Umgebung. Wäldchen von Cypressen und Terebinthen mahnen an die Nähe des Südens, auf den Felsterrassen des Donauufers klettert die Rebe fast ohne Pflege empor, und ihre Trauben liefern den feurigsten Wein. Der majestätische Strom wälzt seine Wogen wie ein fließendes Meer meilenbreit dahin, und große und kleine Eilande tauchen aus dem Gewässer empor, bald flach, niedrig und mit haushohem Rohr bewachsen, bald mit dichtem Wald bedeckt. Legionen von Wasservögeln streiten sich mit den Wölfen und Ebern um deren Besitz. Auf und in dem Strome aber wimmelt ein buntes Leben, vom mächtigen Stör und Hausen an bis zum goldschuppigen Gründling, und den Dampfer umkreisen Schwärme von Pelikanen und Züge von Kranichen, während Adler in den Lüften kreisend nach Beute spähen.
In den ersten Scenen des letzten Kriegs hat Widdin mit Kalafat eine wichtige Rolle gespielt. – Von dort aus hielt Omer Pascha mit der türkischen Hauptarmee das ganze Invasionsheer der Russen in Schach, und Kalafats Verschanzungen und ihre Umgebungen wurden 4 Wochen lang täglich mit dem Blute der Kämpfenden und Stürmenden getränkt. In dem erbitterten Ringen gingen die besten Kräfte beider Armeen zu Grunde, und als die Russen, erschöpft, den Plan, von Widdin über Sophia nach Konstantinopel zu dringen, aufgeben und die kleine Walachei räumen mußten, waren die Türken zu schwach, den vernichtenden Schlags auf den Feind zu führen, welcher, wenn er damals geschehen wäre, den Völkern eine Million ihrer Söhne und einige Milliarden ihres Gelds erhalten und dem Welttheil einen dauerhaftem Frieden gegeben haben würde, als die doch nur kurze Waffenruhe, welche man jetzt der Leichtgläubigkeit als einen ewigen Frieden anrühmt. Wer heißt die kurze Frist der Waffenruhe am lautesten willkommen, und wer hofft sie am gründlichsten auszubeuten? Doch nur die Phantasten, welche alles Erstorbene historisch, alles Starre, Todte und den öden Buchstaben als das allein Urkundliche und allein Berechtigte angesehen wissen wollen und in der Wiederkehr „der alten guten Zeit des Mittelalters“ die Erlösung von der sündigen Gegenwart schauen. Aber jede Narrheit wirkt nur stoßweise in der Geschichte und auf Augenblicke, und Falstaff tröstet: „laßt sie nur machen!“
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 126. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/134&oldid=- (Version vom 15.11.2025)