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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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sagt wohl Mancher – „das verknöcherte Kirchenthum der Anatolier, das in Dienstbarkeit der Islambekenner schmachtende Byzanz – das stellt man auf eine Linie mit der sieggekrönten, lebensprossenden, weltumfassenden Tiberstadt?“ Allerdings, sobald wir die Dinge aus einem höheren Gesichtspunkte betrachten, und wir uns über die Linie enger Parteirede und taglöhnernder Politik in eine freiere Region hinausschwingen; sobald wir nur auf das Bleibende, das Ewige, die Idee sehen. Modalität ist ja nicht Wesen und nur der Unkundige kann das Zufällige mit dem Unvergänglichen verwechseln. Der Schatten ist – das soll man nie vergessen – so alt wie das Licht.
Schon längst ist bemerkt worden, daß nicht bloß einige Praktiken der türkischen Staatsverwaltung byzantinisches Gepräge tragen: das ganze Gezimmer der osmanischen Monarchie, die Eintheilung der Provinzen, die Hierarchie des öffentlichen Dienstes, die obersten Justiztribunale in Ost und West vom Hellespont, in Europa und in Anatolien, Namen der Aemter, Form der Polizei- und Municipalverwaltung, Lug, Trug und öffentlicher Diebstahl der Obrigkeiten, Erbarmungslosigkeit und permanente Verschwörung des kaiserlichen Fiskus gegen Gut und Eigenthum der Unterthanen sind bis auf diese Stunde – nur mit türkischer Benennung – byzantinisch geblieben. Die hohe Pforte von Ikonium und die Kaiserhöfe der christlichen Sultane von Byzantium und Trapezus haben sich in Blut und Leben gegenseitig durchdrungen, und es ist heute nicht mehr gestattet, türkisches und byzantinisches Nationalleben als zwei widersprechende, sich feindlich gegenüberstehende Elemente auszuscheiden. Wenn man auch den obersten Lenker dieser kompakt in einander verwachsenen Land- und Völkermasse des Orients seit Jahrhunderten bei einem andern Namen nennt, so ist das Reich von Byzanz deswegen nicht untergegangen, sein Gestirn nicht erbleicht, seine Staatsidee nicht erloschen. Der Einzug der Sultane von Brussa in die Paläste Blachernä und Bukoleon war nur ein Wechsel der Personen, nicht der Dinge; es war eine Restauration und Wiederbelebung verfallender Weltökonomie, ein schirmendes Provisorium, ein Instrument der Vorsehung, um die Fugen eines Bauwerkes an einander zu klammern, bis die Zeiten voll, und die natürlichen Erben zur Reife der Jahre und zur Fülle der Kraft gekommen wären. Das kohärente Fortleben einer großen, im Abendlande nicht allgemein begriffenen, oder doch nicht sattsam gewürdigten, Europa’s Zukunft bedrohenden byzantinischen Staatsidee anschaulich zu machen, ist eine Hauptaufgabe unserer kritischen Zeit. Den schwungvollen Glanz der occidentalischen Reiche leugnet Niemand; aber Größe und Glückseligkeit des Abendlandes erblühte aus selbstständigem Ausbilden beider Hauptpotenzen der menschlichen Gesellschaft – des politischen und des kirchlichen Elementes. Der Säkularstaat konnte bei uns die Kirche nicht verschlingen, und die Kirche das weltliche Institut nicht aufzehren, und beiden ward – Dank der Wärme germanischen Blutes – versagt, auf ihren Lorbeeren zu versinken. Liebe zur Freiheit und dennoch Ordnung, menschlich, mitleidvoll, und doch Feuer und Energie (furor teutonicus) gegen fremden Zwang – so ist das lateinische Europa. Bei uns ist die Gesittung in’s Privatleben herabgestiegen, und selbst die öffentliche Gewalt fügt sich
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 131. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/139&oldid=- (Version vom 15.11.2025)