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– obwohl gegen ihre Natur und immer sträubend – dem Joche der Sittengesetze und Gerechtigkeit. Barmherzigen Sinn und warmes Gefühl für fremde Noth kennt man nur im Abendlande. Institute, Orden, öffentliche Anstalten, um die Thränen der Mitmenschen zu trocknen und die Summe der von unserer Natur unzertrennlichen Leiden zu mindern; Menschen, die hingebungsvoll das Elend in seinem Verstecke freiwillig aufsuchen, Linderung und christlichen Trost bis in die niedrigste Hütte bringen, und fremde Drangsal um Christi willen zu eigener machen, kennt man nur im Abendlande: sie sind der schönste Schmuck der abendländischen Christenheit. Zu Byzanz ist die menschliche Brust den süßen Regungen des Mitleidens verschlossen, und an die Stelle der liebevollen That setzt man dort das leere, trostlose, unfruchtbare Formular des Glaubens, wie es menschliche Klugheit für bestimmt und deutlich erkannte Zwecke nach langem Hader festgesetzt und zugeschnitten hat. Mit Privattugenden, sagen sie, mag es Jeder halten, wie er will; es gibt nur „byzantinische Pflichten für das Ganze“, d. i. gemeinsames Zusammenwirken aller Individuen anatolischen Namens für Gründung materieller Gewalt und Herrschaft über die Erde, deren Besitz Jesus Christus der morgenländischen Kirche testamentarisch als Vermächtniß hinterlassen habe.

Von der Allgemeinheit und Stärke dieser byzantinischen Staatsidee hat der Occident vielleicht keine oder noch keine hinlänglich klare Vorstellung. Hier liegt die Gefahr. Konstantinopel war die erste ursprünglich und vollständig christliche Stadt des Erdbodens. Dort gab es keine weltliche Macht, von der man erst Duldung zu erbetteln oder Rechte zu erhandeln hatte; die Dogmatik legte den ersten Grundstein, stieg gleich im Beginn auf den kaiserlichen Thron und grub der oströmischen Welt ihr Gepräge ein, tief, unaustilgbar und ungeschwächt bis auf diesen Tag. Nur eine Kraft blieb thätig; alle übrigen gingen in dieser einzigen unter. Die Aktion der Staatsgewalt nach Außen war Nebensache, das Schwert wendete sich nach Innen gegen die Energie der Geister, bis das Ungleiche überall geebnet, bis jeder Wille gebrochen, bis alle Spontanëität, alle selbstbewußte Schwingung romäischer Nerven getödtet und im ungeheuren Länderkomplex nur ein Gedanke übrig war. Körper gab es im byzantinischen Staatsverbande viele; Seelen aber nur eine, Gedanken auch nur einen, und auch nur eine Stadt, die Auserwählte, das apokalyptische Jerusalem am Bosporus.

Für germanische Naturen hat dieser Nivellirungsprozeß des menschlichen Geistes etwas Dämonisches, Grasses, Zurückschreckendes; sie werden sich ihm niemals befreunden. – Ohne daß das Staatsoberhaupt die mythische Weihe des Priesterordens nahm, mußte der byzantinische Imperator doch Theologe seyn, in gesetzlich bestimmten Tagen am Hofe geistliche Vorträge, Exegesen und Homilien halten, weil eigentlich das Evangelium Reichskodex, weil Christus Imperator und der oströmische Basileus nur seine irdische Hülle war. Nicht bloß für zeitliche Wohlfahrt und weltliche Ordnung hatte der „Gottgekrönte“ zu sorgen. Auch das ewige Heil der Unterthanen, was sie glauben und verdammen sollten, ward in letzter Instanz dem Imperator anheim gestellt. Als Scepter trug