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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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Schlummer von Byzanz erschüttern? Damals besaßen die Griechen noch ihre Hauptstadt und stand ihnen thatendürstendes Mitgefühl des Abendlandes zur Seite und sogar Timur der Weltbezwinger auf Bitten und Mahnen der Christenheit als Hort und Retter im Herzen von Anatolien. In einem Tage ward die Macht der Osmanli bei Angora vernichtet, der Padischah selbst gefangen, Anarchie, Bruderkrieg, Auflösung, Verzweiflung waren überall im Türkenreich; aber der Sturm hatte umsonst getobt. Volk und Archonten der morgenländischen Kirche blieben auch in solchem Verwirrungsgreuel bewegungslose Zuschauer, bis die zerrissenen Gliedmaßen des feindlichen Staatskörpers wieder aneinander wuchsen und den nervenlosen Byzantinergriechen in frischer Majestät gegenüberstanden. Sind diese Byzantiner seitdem ein besseres Geschlecht geworden?
Im byzantinisch-griechischen Staatsmateriale lebt nur das Kirchenelement, der letzte Puls, der nie erlischt; die übrigen Klänge sind mit den Göttern Griechenlands längst verstummt. Moder und verwittertes Gestein hören die Posaune des Weltgerichts nicht mehr. Das alliirte Abendland tödte, wenn es kann, die morgenländische Kirche und demolire ihre goldenen Dome zu Konstantinopel, zu Kiew und im Kremlin; es berechne aber vorher und wäge wohl seine Kraft, ob sie auch mit der Größe des Unternehmens im richtigen Maße stehe. Diese Kirche des Orients hat alle Proben innerer Zerrissenheit und äußerer Schmach überstanden; keine Noth konnte ihre Standhaftigkeit erschüttern, keine Verachtung ihr Selbstgefühl ersticken, keine Niederlage das Vertrauen auf endlichen Triumph ihrer Sache wankend machen. Und wie die Natur in allen Dingen auf die äußerste Grenze rückt, erschien der Hoffnungsstern am nördlichen Horizont, als die byzantinische Nacht am dunkelsten war und Alles verloren schien. Kaum war die Schale am Hellespont gänzlich gesunken, da begann sie an den Quellen der Wolga langsam zu steigen, und wie die Wage heute stehe, ist für Niemand ein Geheimniß. Nur scheint nicht Jedermann zu wissen, wie weit das Gebiet der byzantinischen Hellenen reiche. Nördlich geht es bis an die Gestade des Eismeeres und der Herzpunkt, aus dem das Leben strömt, ist nicht mehr innerhalb der Thermopylen; er liegt jetzt jenseits der Wasserfalle des Borysthenes. Das Streben dieser theokratisch-byzantinischen Staatsidee, alle auf ihrem Elemente zu vernichten oder verwandelt in seinem Schooße aufzunehmen und in einem großen Weltreiche verkörpert ihrer Nationalfeindin im Occident entgegenzustellen, wird erkannt, sowie im Gegensatze das Ringen der latino-germanischen Kirche, auf ihrem Boden sich auszudehnen, sich innerlich zu befestigen und wieder zu kräftiger Einheit aufzuschwingen, für Niemand mehr ein Geheimniß ist.
Das Thatsächliche soll kein Urtheilfähiger verleugnen und vergessen. Zwei heilige Stühle stehen sich in Europa feindlich gegenüber und der Kampf zwischen den nebenbuhlerischen Gewalten kann vertagt, nicht verhindert werden. Von diesem politisch-kirchlichen Dualismus kann sich der alte Kontinent nicht mehr loswinden und die Stelle der Parteien wird erst dann klar, wenn Neu-Rom sein Schicksal erfüllt und die Kinder der anatolischen Kirche
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 138. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/146&oldid=- (Version vom 15.11.2025)