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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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Stadt, welche wir passirten; Narwa erscheint dagegen bereits wie ein petersburger Anfang. Die Pracht der mit gigantischen Adlern gezierten Narwa-Brücke, die Kuppeln der griechischen Tempel, welche sich meistens über den Unterbau unverkennbar abendländischer Kirchen emporwölben, die überwiegende Russenbevölkerung, die städtischen Neubauten, die überall aufgestellten Soldaten und Polizeiwachen – Alles erscheint wie ein Vorspiel der Residenz des mächtigsten Autokraten der Welt. Auch die Chaussee, welche, glatt wie eine Eisenbahn und breit wie ein Marktplatz, von Narwa anhebt, um an Petersburgs Thoren zu enden, nachdem die bisherige Heerstraße sehr oft bezweifeln ließ, ob wir uns denn wirklich auf einer Straße befänden, vervollständigt den Eindruck. Dieser Eindruck ist ein ächt russischer: Einförmigkeit.
An die Stelle der bisher hölzernen Werstpfähle sind nun steinerne Pyramiden getreten, alle, bis auf die Farbe des Steins, einander so gleich, als wären sie aus einer Form gegossen, wie dies eben nur unter russischen Verhältnissen möglich erscheint. Gleichförmig im Aeußern wie im Innern, bis auf den schwarzledernen Ueberzug des Sopha’s und die Stellung jedes Stuhls sind die Posthaltereien auf den Stationen. Die Natur selbst hat mit gearbeitet an dieser furchtbaren Monotonie. Mannshohes Buschwerk auf spärlichem Haidegrund, welches genau in zehn Fuß Entfernung vom Straßengraben zu beiden Seiten beginnt, dahinter halbwüchsiger Föhrenwald mit seinen graurothen Stämmen, dies bleibt das unabänderliche Einzige, was das Auge auf einer Strecke von mehr als 10 Meilen vor- und rückwärts zu sehen bekommt. Es ist eine wahre Wohlthat, daß, nachdem man noch die Kasernenstadt Jamburg im letzten Abendschein durchfahren, die immer mehr verödende Landschaft in Nacht versinkt und die Sonne erst wieder aufsteigt, da die letzte Station vor Petersburg erreicht wird.
Welche Ueberraschung ist hier dem Reisenden bereitet! Anstatt vor einem ärmlichen Posthause, hält der Wagen vor einem eleganten Gebäude, und prächtige Pferde von edler Zucht werden angeschirrt, während ein langbebarteter Rosselenker im russischen Kaftan mit hellglänzenden Knöpfen und rothem zweizipfeligem Gürtel den Kutschersitz besteigt, auf dem bisher zerlumpte Bursche saßen. Und vorwärts fliegt die Quadriga auf prachtvoll geweiteter, von Bäumen beschatteter Fahrbahn.
Links her leuchtet durch die Büsche das schmucke fensterreiche Strelna, einst Alexanders Lieblingsaufenthalt, und jetzt noch, wenngleich nicht mehr in kaiserlicher Gunst, doch ein wohlkonservirtes Lustschloß. Dann zeigen sich zuerst einzeln, nachher häufiger hinter Birken, Fichten und Tannen, die Landhäuser der petersburger Großen. „Datschen“ (Geschenke) nennt sie der Russe in Bezug auf die Gnadenspenden der Alleinherrscher an ihre Lieblinge. Diese Spenden sind indessen meistens älteren Datums – aus der Zeit der Kaiserinnen Katharina und Elisabeth. Das Schenken ist jetzt seltener geworden.
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 156. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/164&oldid=- (Version vom 16.11.2025)