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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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lebhaft eingeleiteten Unterhaltung über Anlaß und Zweck der Reise etc. durchfliegen sie unsern russischen Paß, der bereits beim Eintritt in das Reich gegen die heimathlichen Originalpapiere eingetauscht wurde, erkundigen sich beiläufig nach unsern Bekanntschaften und Empfehlungen u. s. w. und überreichen uns endlich den Erlaubnißschein zur Einlösung einer Aufenthaltskarte. Wer nicht genau Acht gibt, bemerkt es kaum, daß während dieses Gesprächs einige schmiegsame Personen durch das Zimmer gingen, andere aus den offenen Seitenthüren uns vom Kopf bis zur Zehe musterten, dem Tonfall unserer Stimme lauschten und die Antworten auf die vorgelegten Fragen genau in ihre Notizbücher bemerkten. Dies sind die Schutzgeister, deren zwar unsichtbarer, doch desto aufmerksamerer Obhut jeder Fremde während seines ganzen Verweilens in Petersburg anvertraut ist.
Nachdem endlich die theure Aufenthaltskarte gelöst worden, sind wir im Uebrigen von allen auffälligen und sichtbaren Polizeibelästigungen unbehelligt. Wir können jenes gewöhnliche Geschäft des Besuchers großer Städte, das beschauliche Umherschlendern, ganz ungestört betreiben. Nur müssen wir uns von vornherein an den Gedanken gewöhnen, daß damit nicht die Vortheile des Kennenlernens der Ortsverhältnisse wie anderswo zu erlangen sind. Es gibt kein öffentliches Leben in Petersburg, folglich scheitert auch jeder Versuch, sich darüber zu informiren. Es bedarf für den unabhängigen Fremden vieler Wochen und genauer Bekanntschaft, ehe er nur ein wenig in die Coulissen der petersburger Verhältnisse zu blicken vermag, um am Ende – doch nicht viel Anderes als neue Coulissen zu sehen. –
Touristenhaft läßt sich Petersburg nur ganz äußerlich abthun. Jede offene und unbefangene Frage muß sich stets darauf gefaßt machen, eine parteiische oder absichtlich verhehlende oder täuschende Antwort zu erhalten. Auch diese Parteilichkeit, Absichtlichkeit, Verhehlung oder Ostentation ist anders geartet, als man sonstwo findet. Sie gilt nicht nur dem eigenen Interesse, sie gilt auch dem Frager. Dem Franzosen gibt man ein anderes Bild als dem Deutschen, dem Vornehmen ein anderes als dem Mindervornehmen, dem Geschäftsmann ein anderes als dem Vergnügungsreisenden. Nur eines bleibt konstant: das Lob der eigenen, die Geringschätzung der ausländischen Verhältnisse. Wir kommen erst spät zu der Beobachtung, daß solche Urtheile vorzüglich da erklingen, wo es gilt, mit einem Nebelflecken ausländischer Zustände die faulen Stellen der eigenen Verhältnisse zuzudecken. Dies nicht nur petersburger, sondern allgemein russische Verfahren ist die reifeste Frucht eines langen bis zur Selbstvergötterung gestiegenen Despotismus. Auch die Byzantiner priesen einst ihre Zustände unter den gottgekrönten „Imperatoren“, und nannten die Nivellirung des menschlichen Geistes zur vollkommenen Passivität und Hingebung an den kaiserlichen Willen die Krone menschlicher Glückseligkeit.
Sind wir durch dieses Verhältniß zunächst darauf beschränkt, die steinerne Stadtpracht zu bewundern, so bieten doch die Straßen der Beobachtung noch anderen Stoff. Vor Allem macht sich überall der Eindruck der unbedingten
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 159. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/167&oldid=- (Version vom 16.11.2025)