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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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Budeschnick mit einer Hellebarde; stets ragt eine Kirchenkuppel oder ein sonstiger Hochbau am Ende einer Straße empor, gleich einem Hauptmann am Flügel seiner Fronte. Diese Uniformität, der man nicht entfliehen kann, reicht vom Brennpunkt der Stadt bis an deren äußerste Grenzen. An der Stelle wirklicher Ringmauern zieht sich dort ein Kreis von Kasernen um dieselbe, gleichsam wie einzelne, nach innen gerichtete Vorwerke der Citadelle an der Newa. Einen zweiten inneren Kreis bilden die Lazarethe und Armenhäuser. Dann folgen die Stadtkreise der Arbeiter und Dürftigen. Je weiter man aber vorrückt nach dem Winterpalaste, desto vornehmer werden wieder die Quartiere.
Es war vor 150 Jahren, als auf einer wüsten Sumpfinsel am Ausflusse der Newa Peter der Große durch hunderttausend zusammengetriebene Leibeigene eine Festung erbauen ließ. Die nicht erstickten im Moraste, die nicht erstarrten im Winter, die nicht verkamen in den Wildnissen, aus denen sie die Baustämme herbei schleppten, mußten sich Hütten im Bereiche der Kanonen jener Festung zimmern. Dies war der Anfang von St. Petersburg.
Die Stadt hatte kaum 10,000 Einwohner, als Elisabeth den Winterpalast als kaiserliche Residenz aufführen ließ. Ihr üppiger Hof lockte die Vornehmen aus dem Innern Moskowiens, Abenteuerer und Staatsmänner, zurückgesetzte Söhne edler Geschlechter, Glücksritter und Künstler, Schwindler und Kaufleute aus Deutschland, aus den Alpen, aus den Pyrenäen, aus dem Westen und Süden herbei, um sich im Sonnenglanze kaiserlicher Gnade Glück und Ehren zu erjagen. Schnell wuchs Petersburg und wurde groß.
Das ist Petersburgs ganze Geschichte. Der Winterpalast ist das Herz der Stadt, des Reichs. Um ihn, diesseits des Flusses, wohnt die hohe Aristokratie. Jenseits der Newa wird hauptsächlich der Bedarf des Militärstaats befriedigt; da sind die kriegerischen Werkstätten, die soldatischen Erziehungsanstalten; da wohnen die meisten Beamten. Auf den Inseln der Newamündungen endlich arbeitet der größte Theil der Künstler und Handwerker für das Bedürfniß der Residenz.
Man sollte meinen, die Zerrüttung der Zustände in Westeuropa, die in der beständig wachsenden Verarmung der unteren Klassen so kenntlich geworden ist, sey eine unbekannte Erscheinung in Rußland. In Wahrheit jedoch erblicken wir die Zeichen derselben in Petersburg so grell, wie kaum in einer anderen Weltstadt. Mit Erstaunen sieht man an den Kayen der Newa um Mittag auf den untersten Stufen der prächtigen Granittreppen Schaaren halbnackter Männer sitzen, in der einen Hand ein Stück schwarzes Brod, in der anderen einen hölzernen Löffel, womit sie das Wasser zum Brod aus dem Flusse als Mittagsmahl schöpfen. Das sind jene nationalrussischen Einwanderer, welche, von ihren Leibherren gegen eine Abgabe auf bestimmte Zeit entlassen, verlockt von den goldenen Kuppeln der Czarenresidenz, hereinkommen, um mit ihrem Beil im Gürtel sich die dürftigsten Mittel zur Fristung des Lebens zu erarbeiten.
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 161. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/169&oldid=- (Version vom 16.11.2025)