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geschah; vielleicht lag es in einem allzu großen Vertrauen auf die Unerschütterlichkeit ihrer Macht. Damals war der traditionelle Glaube, Petersburg gewähre dem deutschen Handwerker, Künstler, Kaufmann, Gelehrten jenes Glück und jenen Wirkungskreis in vollem Maße, welche ihnen von der Heimath versagt würden. Aber der Deutschen große Zeit ist längst dahin. Viele geben jetzt das mühsam errungene materielle Glück freiwillig preis, und wandern zurück, um nur ihre geistige Freiheit wieder zu erringen. Andere versinken im materiellen Wohlseyn und opfern die Seele dem Leibe. Dreißigtausend Deutsche gehören zur jetzigen Bevölkerung von Petersburg. Das ist der Rest vieler Hunderttausende; denn man hat nachgerechnet, daß die Hauptstadt des russischen Reichs in den anderthalbhundert Jahren ihres Bestehens mehr als 2½ Millionen unserer Stammbrüder verbraucht hat! Das zerstörende Klima, Typhus und die veränderte Lebensweise haben sie aufgerieben und mit Recht hat man Petersburg den Gottesacker der Deutschen genannt.

Was hat das deutsche Volk für die gebrachten Riesenopfer eingetauscht? Mit scheelem Auge ist noch heute, und heute entschiedener als jemals, Alles betrachtet, was der Deutsche unternimmt und erstrebt. Das politische System des Staats stößt ihn, mißtrauischer als jemals, zurück. Graf Nesselrode selbst, der 45 Jahre am Steuer des Weltreichs saß, hat erfahren, was es heißt, sich auf die Czaren-Dankbarkeit und die Treue des Glücks zu verlassen. Der Sturz des deutschen Elements ist alle Tage in den Entsetzungs-Dekreten des Imperators zu lesen. Wer noch aus früherer Zeit in staatsmächtiger Stellung verblieb, wird nur noch als ein lästiges Uebel betrachtet. Auf allen Seiten tritt seinem Wirken die Verdächtigung des russischen Elements entgegen. Wer sich halten will, muß sich selbst russificiren.

Noch einen Blick in die Stadt! Die prächtigste Häuserfronte der Welt schaut vom jenseitigen Newa-Ufer herüber. Aus den Gebäudereihen erhebt sich wie ein Fürst unter Dienern der kaiserliche Winterpalast. Das Viereck daneben ist die Admiralität; Peters des Großen berühmte Kolossalstatue verbindet dieses Gebäude mit dem Senatspalast; an diesen reiht sich die englische Kai. Rechtshin wirft der Winterpalast eine Brücke zu den beiden Eremitagen mit ihren unermeßlichen Kunstschätzen. An diese schließen sich die Wohnsitze der höchsten Würdenträger des Weltreichs, bis das Marmorpalais am Marsfeld mit dem Sommergarten diese exklusive Hofstadt abschließt.

Der Tag erwacht hier gar spät. Erst um Mittag beginnt das charakteristische Leben dieses Stadttheils. Auf den Straßen gewahrt man jedoch nichts weiter davon als das Rollen der Staatsequipagen, das Stampfen der Rosse von arabischer Zucht, die gravitätische Erscheinung grellbunter Thürsteher, das Schultern und Präsentiren der Schildwachen, die Geschäftigkeit reich galonnirter Diener, das faule Umherlungern leibeigener Knechte.

Am Abend, wenn sich die dunklen Schiffskolosse als gigantische Schattengebilde darstellen, wenn nur noch selten die Laterne eines Bootes über die Wassermassen hinwegschlüpft, wenn drüben auf den Inseln allmählig alles Leben schweigt – dann brechen breite Lichtgarben durch die schwerstoffigen Vorhänge aus den gold- und farbenglänzenden