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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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An diesen verlassenen Ueberresten hellenischer Größe sind Jahrtausende vorbei gegangen; die Götter sind entflohen, die Gesänge der Priester sind verstummt, und ein anderes Geschlecht und ein anderer Glaube ehrt an anderer Stätte den alleinigen Schöpfer des Weltalls; aber der Zauber, der an diesen Trümmern hängt, wird bleiben, so lange es Menschen gibt, welche Gefühl für das Schöne und Erhabene im Herzen tragen.
Um die Ruinen am Berge Ida zu sehen, welche eine Meile von der Stätte des alten Cnossus aus wucherndem Pflanzenwuchs so unbeschreiblich malerisch hervorragen, hat man, von der Hauptstadt Candia’s aus, eine beschwerliche Wanderung seitab durch öde und kahle Bergdistrikte zu machen. Schwarze Cypressen, riesengroße Pinien, da und dort eine schlanke Palme, oder die hochaufragende Blumenkrone der Aloe geben der Landschaft eine ernste Physiognomie, welche zu den Bildern harmonirt, mit welchen die Phantasie und die Erinnerung an Mythe und Geschichte des Alterthums die Seele erfüllen. Dann und wann trifft man auf ein üppiges Gefild mit reichen Getreidefeldern und traubenbelasteten Reben, die sich in Guirlanden von Oelbaum zu Oelbaum schwingen; je näher aber am Ida, je mehr schwinden allmählig die Spuren der Kultur; höher erheben die Berge ihre Häupter, die Straße verengert sich zum Pfade, Einsamkeit und Oede wachsen von Viertelstunde zu Viertelstunde und näher treten aus der grauen Vergangenheit die Gestalten von Sage und Mythe. Immer aber bleibt das Haupt des Ida im Angesicht, einst der Lieblingsaufenthalt der Götter, und von jeder Höhe gewahrt das rückwärts schauende Auge den blauen Spiegel des Meers, über den die Weißen Segel wie Möven dahinziehen.
Der Anblick der Trümmer selbst gibt den vollen Eindruck klassischer Ruinen. Um die aufrechtstehenden Reste eines Tempels ist der Boden mit kleineren Trümmern bedeckt, unter den Sträuchen schauen Säulenstücke, Kapitäler, Triglyphen hervor, und zwischen Gras und Blumen liegen die Fragmente von Gebilden der edelsten griechischen Kunst. Chaos ist Alles: und doch weht im Wuste der Zerstörung der Geist der Harmonie: Trümmer sind es – aber doch so hehr und herrlich, daß sie das Land ringsum beherrschen.
Es gehören diese Trümmer der perikleischen Zeit des griechischen Kunstlebens an, jener Periode, welche der monumentalen Architektur den günstigsten Boden bereitete. Hellas hatte die Tyrannis abgestreift, die Selbstständigkeit
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 168. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/176&oldid=- (Version vom 18.11.2025)