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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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in dem Prachtsaal eines Dreideckers über den See selbst gleitet, nach Detroit mittelst der Eisenbahn quer durch die Halbinsel fliegt, und am großen Michigansee in einen andern dampfbeflügelten Palast aufgenommen, mit brausendem Räderschwung rasch wie der Sturmwind nach Chicago oder Milwaukie spedirt wird, wo er dasselbe wiederfindet, was ihn schon in Osten so überraschte: große, volkreiche, blühende Städte voll lebendigen Verkehrs, auf ausgefüllten Sümpfen stehend, wo die Jäger noch vor wenigen Jahrzehnten wilde Enten und froschschmausende Reiher geschossen haben.
Am oberen Mississippi ist nur in jenen Gegenden noch vollkommene Wildniß, wo die jährlichen großen Stromüberschwemmungen die festen Ansiedelungen unmöglich machen. Doch hat auch da gar mancher kühne Yankee sein Nest gebaut, und selbst einzelne kühngewordene deutsche Settler haben es gewagt, den Wald zu fällen, Mais zu säen und Blockhütten zu bauen, auf die Gefahr hin, jedes Frühjahr einmal vom tückischen Strom mit Haus und Habe fortgeschwemmt zu werden. Nahe bei 1300 Dampfer befahren gegenwärtig den Mississippi mit den Nebenflüssen, sogar oberhalb der St. Anthony-Fälle sind neuerdings einige Dampfer auf den Fluß gestellt, und in der günstigen Jahrzeit hat man Gelegenheit, fast den ganzen Missouri aufwärts bis an den Fuß der Rocky-Mountains zu befahren und tief in das Indianergebiet einzudringen.
Am Ohio, Illinois, Arkansas, Red-River begegnet überall das gleiche Schauspiel von entstandenen oder entstehenden Städten. Wie Pilze unter einer tropischen Sonne schießen sie aus dem fetten Alluvialboden heraus. Der Gipfelpunkt der Ueberraschung bleibt aber doch St. Louis, die große Hauptstadt des Westens, wo am Mississippi-Kai oft nicht weniger als 100 Dampfer in stolzer Reihe ankern, darunter prächtige Dreidecker, deren säulenumreihete Stockwerke und Eisenschlöte wie Kastelle über dem kaffeebraunen Wasser des Flusses hervorragen. Gegenüber diesen Schiffen erhebt sich eine Häuserreihe, deren keine europäische Hauptstadt sich zu schämen hätte. Die Bevölkerung von St. Louis hat in diesem Jahr die Zahl 120,000 überschritten. Vor etwa 30 Jahren zählte die Stadt kaum 8000 Seelen. Der obere Mississippi hatte damals noch kein Dampfschiff gesehen, und ganz in der Nähe grasete noch friedlich der Büffel, der jetzt mit seinen rothhäutigen Freunden, den Delaware- und Sioux-Indianern, 1000 Meilen weiter nach Westen gedrängt worden ist.
Ein Etwas, das in der neuen Welt den reisenden Europäer mehr befremdet und überrascht als jene augenfälligen Wunder, die der rastlose Unternehmungsgeist einer thatkräftigen Nation geschaffen hat, ist neben dem Entstehen, Wachsen und Aufblühen von ausgedehnten Staaten der Mangel jener Potenzen, welche nach europäischen Begriffen zum Gedeihen der Civilisation unentbehrlich sind – ich meine eine wohldisciplinirte Soldateska, eine wohlorganisirte öffentliche und heimliche Polizei, mit Gesetzen zur scharfen Ueberwachung von Vereinen und Presse, ein Heer von Gewerbsschranken und eine landesväterliche Bevormundung alles Lebens und Thuns im Volke. Von
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 184. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/192&oldid=- (Version vom 18.11.2025)