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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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all’ dem sieht man in den Vereinigten Staaten gerade das Gegentheil, und – ist’s nicht wunderbar? – dennoch existiren, wachsen und gedeihen sie. Auf der langen Strecke vom Ocean bis zum Missouri gewahrt der Einwanderer nur bei den Volks- und Korporationsfesten militärische Uniformen, z.B. bei der Todesfeier großer, geehrter Bürger, nie aber eine eigentliche Soldateska, und auch nie uniformirte Polizeidiener; dennoch ist die Sicherheit des Eigenthums im Ganzen nicht geringer als in Europa. Den Zeitungen ist die unbegrenzteste Freiheit gelassen, so viel Gescheidtes, oder so viel Unsinn zu sagen, so viel zu lärmen und zu agitiren als sie Lust haben. Hundert und aber Hunderte von politischen, socialen und religiösen Vereinen entstehen, dauern oder verschwinden; der Staat nimmt nicht die mindeste Notiz von ihnen. Man läßt Socialisten und Kommunisten mit ihren Experimenten eben so frei gewähren, wie die Pantheisten und Atheisten, die sogenannten freien Gemeinden, oder im Gegensatz dieser, die frommen Väter der Gesellschaft Jesu, welche in Amerika als Prediger und Lehrer auf das Umfangreichste wirken und von den Häfen des Oceans bis jenseits der Rocky-Mountains ihre verlorenen Posten behaupten. Selbst die Mormonen und ihre Apostel, gegen welche früher der Volkshaß sich richtete, läßt man jetzt in Ruhe und sie mögen ihren Hokus-Pokus treiben, wo sie wollen.
Der Staat und die Gesellschaft, weit entfernt, durch diese entgegengesetzten Bestrebungen aus den Fugen zu gehen, erstarkt vielmehr, blüht und schreitet fort, wie ein junger Herkules, mitten im Kampf der Ideen und der widerhaarigen Volkselemente, und der Parteien gegenseitiger Wetteifer hilft die Entwickelung nur fördern. Die Union gedeiht der Eiche gleich, die am tiefsten wurzelt und am höchsten ihre blätterreichen Kronen treibt, wo ihr am meisten Luft und Licht gegönnt ist, und die Stürme sie unbehindert rütteln.
Es sind sonderbare Käuze diese Yankees sächsisch-wälschen Bluts. Wir begreifen vollkommen, daß der ehrliche gemüthliche Deutsche mit seiner Bildung, Phantasie und Wissenschaft sie als Individuen unerträglich findet. Wie sie dasitzen in ihren Stores und Geschäftsstuben, in den Salons der Dampfschiffe und den Gasthäusern, ernst und wortkarg, mit frostigen Mienen, Tabak kauend und die langen Beine möglichst weit von sich streckend, trockene, nüchterne, unausstehliche Gesellschafter, nichts als Geschäftsgedanken und Dollartrachten im Kopfe, jedes Sinns für das Schöne und jeglicher Freude an dem Erhabenen, was des gebildeten Europäers Gemüth bewegen und begeistern kann, völlig bar. Nur für diejenigen Wissenschaften kann sich der Amerikaner erwärmen, die in das praktische Leben einschlagen. Für Poesie, schöne Künste, ja selbst für den reinen Naturgenuß fehlen ihm Sinn und Liebe. Ausnahmen von dieser Regel gibt es; aber sie sind selten. Bei einer beethovenschen Symphonie, vom deutschen Musikverein in Milwaukie tadellos vorgetragen, sah der Schreiber dieses Artikels ein ganzes amerikanisches Auditorium gähnen. Selbst Byrons gewaltige Lyra gefällt den Yankees nicht, obwohl sie in Tönen klingt, die der Amerikaner seine Muttersprache nennt. Dem Niagarafall, der großartigsten Naturscene,
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 185. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/193&oldid=- (Version vom 18.11.2025)