Seite:Meyers Universum 17. Band 1856.djvu/22

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

auf das Heiterste mit Stukkaturarbeit, Basreliefs und Freskomalereien, Bronze- und Marmorstatuen geschmückt, die Fußböden mosaikartig mit bunten Marmortäfelchen belegt. Ein Ofen heizte die ganze Anstalt; bronzene Röhren leiteten das warme und kalte Wasser nach den Zimmern. – Welch’ ein reges, thätiges und üppiges Leben überhaupt in Pompeji herrschte, das findet sich auch in dem Umstand angedeutet, daß in den Hauptstraßen alle Parterregeschosse nach der Straße zu bloß aus Waarengewölben bestehen, oder in Hallen ausgehen, welche die Bestimmungen unserer Gast- und Kaffeehäuser erfüllten. Man fand die Gläser und Flaschen noch auf den Marmortischen , und in einem großen Saale eine mit bemalten Schüsseln und reichverziertem Silbergeschirr besetzte Tafel, von der die Gäste vielleicht in dem Augenblick geflohen waren, als zur Mahlzeit geläutet wurde; denn eine silberne Handglocke lag auf dem oberen Tafelende. – Einige Gewerbe müssen in Pompeji eine Stätte ihrer Blüthe gehabt haben; denn manches große Gebäude trägt die Firma einer Fabrik oder Manufaktur über der Pforte. Sogar die modernste Erscheinung unserer Industrie, eine große Brodfabrik, gab es in Pompeji, um die Bevölkerung mit gutem und wohlfeilem Brod zu versorgen. – Außerhalb der Thore der alten Stadt hat man von Zeit zu Zeit ebenfalls Ausgrabungen vorgenommen, welche sich oft reichlich lohnten. 1764 wurde die Villa des Cicero aufgefunden; nachdem man die vorhandenen Kunstgegenstände fortgebracht hatte, schüttete man sie wieder zu. Schöner noch und viel größer war die Villa des Arrius Diomedes mit weitläufigen Anlagen, mit Grotten, Bädern, Tempeln: nach Ausräumen der Kunstwerke wurde auch sie wieder der Verschüttung und Verwüstung überlassen. Oft schon hat die gebildete Welt über die Nachlässigkeit und Mißverwaltung bei den Ausgrabungen Klage erhoben und Wünsche ausgesprochen; aber selten wurde ihnen Aufmerksamkeit geschenkt; sie verhallten in den Wind. –

Grab bist du, Pompeji, der eignen Gräber geworden,
     Sechzehn Jahrhunderte lang ruhte vergessen die Stadt;
Doch nicht berührte die Zeit das Bewahrte. Mütterlich
     Sorgsam, getreu hütet’ ihr redlicher Schooß!
Wie es geordnet gewesen, so fanden die Menschen es wieder;
     Wie die vergangene war, fand es die jetzige Welt. –
Aber die Finder vergalten mit plumpen Händen die Pflege,
     Roh sie die Asche zerstreu’n, welche der Urne vertraut.