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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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Mauerkanten mit Rundstäben und den Kranzgesims mit Hohlkehlen einfassend, in die äußere Kernform dekorative Charakteristik. Auch das ist als eine allen Völkern gemeinschaftliche Eigenthümlichkeit dieses Pyramidalbaues zu betrachten, daß überall die inneren und äußeren Wände geschmückt sind, bald mit hieroglyphischem Bildwerk, bald mit gemalten oder skulptirten Ornamenten. Und zwar sind diese Ornamente in ihren Grundzügen ebenfalls überall gleich, immer freie Schwingungen der Linie in sich, verschiedenartiges Facettenwerk, Zickzackzüge, Mäanderwindungen, selten mechanische Nachahmungen äußerer Thier- und Pflanzenformen.
Mit diesen architektonischen Anfängen gehen die Anfänge der Plastik Hand in Hand. Oder vielmehr: Architektur und Plastik sind ursprünglich durchaus eins. Wenn die Bibel erzählt, daß Jakob an dem Orte, wo er im Traum die Himmelsleiter gesehen, einen Stein errichtet, habe, oder wenn alte Völker eine Schicht Steine zusammenhäufen, um damit die Stätte zu bezeichnen, auf der sie eine blutige Schlacht schlugen, so weiß man in der That nicht, soll man in diesen kindlichen Erinnerungsmalen einen architektonischen oder einen plastischen Trieb erkennen. Dieses Ringen zwischen der plastischen Idee und der architektonischen Durchführung dauert lange Zeit und findet sich bei allen Völkern; es hat zum Theil Werke von wahrhaft künstlerischer Schönheit hervorgebracht. Der einfache Denkstein ist der Ausgangspunkt gewesen; der Denkstein hat sich dann durch mannigfache Zwischenstufen hindurch zur Denksäule entwickelt; die Sprache ist sinnig und drückt auch im Worte die Doppelseitigkeit aus, die diesen Begriffen innewohnt. Auch hier ist wieder überall dieselbe Grundform. Bei allen Völkern findet sich die Form des Obelisk. Obelisken, theils einzeln, theils in Gruppen, sind die sogenannten Baudasteine des skandinavischen Nordens; Obelisken, die Men-hir oder Paul-ven, in der Bretagne; ja, der Obelisk zu Lokmariakar, 61 Fuß hoch, erhebt sich zur Höhe der ägyptischen Obelisken. Auch der Obelisk ist eine statische Nothwendigkeit; er ist die Pyramide der Plastik. Und auch hier ist es wieder die ägyptische Kunst, die dies Kunstprincip, das die anderen Völker mehr nur ahnten als wirklich begriffen, zu seiner vollen künstlerischen Schönheit und Bedeutung brachte.
Nicht aber hatte der Mensch an diesen Denksteinen und Steinpfeilern ein Genüge. Sie sind zwar mächtig durch ihre Massenhaftigkeit, aber sie sind inhaltsarm; sie bedeuten nichts an und für sich, der Mensch muß erst von Außen die Bedeutung in sie hineintragen. Wie daher der Tempelbau bald nach reicheren Bauformen sucht, die fähig sind, den Zweck und die Stimmung, aus der das Heiligthum entsprungen ist, an sich selbst zur Anschauung zu bringen, so ist auch die Plastik zu einer nicht erst auszudeutenden, sondern in sich selbst bedeutungsvollen Gestalt allmählig fortgeschritten, und wie sie als Hieroglyphen der pyramidalen Architektur früher Zier und Bedeutung gegeben, so gibt sie den Baumonumenten späterer Zeiten durch die Bildwerke und Ornamente voll tiefsinniger Symbolik Auslegung und Verständniß.
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 232. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/240&oldid=- (Version vom 21.11.2025)