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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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Am reichsten und glänzendsten hat sich die Verbindung des Monumentalen mit dem Plastischen in der germanischen Baukunst entfaltet und hier die reinste Harmonie und die Spitze ihrer denkbaren Vollendung erreicht, so weit nur der Gedanke des Menschen in der Architektur aussprechbar ist. Das starre Denkmal, welches bei den Asiaten, Aegyptern und selbst noch bei den Griechen eine gewaltige isolirte Idee versinnlicht, eine imposante herrschende Wahrheit bekundet und nur durch die Massenhaftigkeit seiner äußeren Erscheinung auf den Beschauer wirkt, ist im gothischen Bauwerk zum Wohnsitz der Idee selbst geworden. Glaubensschwärmerei, religiöse Poesie und Mystik namentlich bekleiden unsere Dome in tausenderlei Gestaltung und buntem Spiel, ranken sich in endloser Bewegung durch alle Räume der todten Mauermasse, füllen jede Wandfläche, jede Bogenöffnung, jede Nische und jeden Winkel mit ihren Symbolen, an allen Spitzen und Kanten klettern sie empor, wachsen aus allen Fugen und Rippen, blühen in den wundersamsten Formen aus allem Steinwerk, ja selbst die offenen Fensterräume weben sie zu mit ihren farbigen Gebilden, wie aus Luft und Licht geschaffen. Der Mauerkörper ist bloß der Stamm, in dem die lebende Plastik emporsteigt, um sich in Blättern und Blüthen fesselfrei zu entfalten, und ihn mit ihren Gliederungen zu umschlingen und zu formen, und so ist das gothische Bauwerk nicht mehr ein bloßes Denkmal, nicht mehr die nackte Hieroglyphe einer Idee, sondern das Haus, welches die in der Plastik ausgeprägte Idee selbst bewohnt und belebt und dessen Aeußeres nur als unmittelbarer Ausdruck seines Inneren erscheint.
Diesen Bund der Plastik mit der Architektur, der so Herrliches geschaffen, hat die neue Zeit wieder geschieden. Seitdem ein tödtlicher Streit zwischen weltlicher und geistlicher Macht die Kraft des Mittelalters gebrochen, seine Ideen und Vorstellungen zerstört hat, seitdem vor der Sonne des Wissens das mystische Licht des Glaubens erbleicht, und an die Stelle einer schwärmerischen Sehnsucht, welche die körperlichen Formen so weit als möglich zu vergeistigen strebte, der nüchterne Realismus getreten ist, der das körperliche Leben in seiner Selbstständigkeit durchzubilden sich bemüht, ist auch das gemeinsame Band gelöst, welches die Architektur mit der Plastik zu einem so vollendeten Kunstwerke vermählt hatte. Die Wechselwirkung der beiden mächtigsten Kunstelemente ist zerrissen worden, die Idee der Kunst ist in künstlerische Interessen zerfallen und von Rechtswegen darf nicht mehr von der Kunst unserer Zeit, sondern nur noch von Künsten gesprochen werden, in die sie sich aufgelöst. Die Idee ist herausgestorben und die lose Hülle fällt in Fetzen vom todten Körper.
Das westliche Deutschland, die Gaue des Rheins und seiner Zuflüsse, waren vorzugsweise der Boden, auf dem die Kreuzesblume der Gothik zu ihrer vollkommensten Blüthe und Pracht gedieh, da, wo der germanische Geist am frühesten und mächtigsten sich entwickelt hatte. In Köln, Trier, Speier, Freiburg, Straßburg predigen noch alle Tage die großen Werke der christlichen Kunst, in unversehrter Pracht, von der großen Zeit des Glaubens –
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 233. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/241&oldid=- (Version vom 21.11.2025)