Seite:Meyers Universum 17. Band 1856.djvu/242
| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
|
|
während drinnen kleine Menschen im Priestergewand unchristlich eifern, daß es klingt wie Lästerwort zum Gebet der Steine. Taub ist die Menge drinnen wie draußen, und ungläubig und hohnlachend gehen die Meisten vorbei. –
Eßlingen, die uralte, von Reichsacht und Belagerungen vielgeprüfte und von allen Fehden und Kriegen im Lande schwer heimgesuchte freie Reichsstadt am Neckar, rühmt sich zweier der schönsten kirchlichen Bauwerke gothischer Kunst, der St. Dionysius-Kirche, mit zwei Thürmen, um’s Jahr 804 erbaut, und der Liebfrauenkirche mit einer bis zu 230 Fuß aufsteigenden Spitze, die an Kühnheit und Anmuth der Proportionen, Meisterschaft der Ausführung und Reichthum des Schmuckes nur mit dem Münster von Straßburg verglichen werden kann.
Wer eine der türkischen Donaufestungen von Belgrad bis Braila gesehen hat, hat sie alle gesehen. Wer sich aber die Mühe nahm, jede besonders zu betrachten, konnte – wenigstens vor dem türkisch-westmächtischen Krieg gegen Rußland – in jeder einzelnen das Bild des osmanischen Reichs wieder finden, das Bild des gewesenen Kriegerstaats: ungeheuere Kanonenmassen mit verfaulten Lafetten auf wankenden Wällen. Nur von Außen und besonders von Weitem macht jede dieser Städte einen imponirenden Eindruck. So auch Rustschuk. Von Silistria heraufkommend, wendet man den Blick von der Gegend, wo die Stadt ihre Kuppeln, Thürme und Minarets über die blendendweißen Mauern emporhebt, ungern ab und nach der anderen Seite des Stroms hinüber, wo, jenseits einer Donauinsel, an einem schlammigen Kanal, Giurgewo hinter den Resten einiger alter Festungswerke steckt. Je mehr man sich dem schönen, in gewisser Entfernung wahrhaft reizenden Bilde nähert, desto mehr verliert es. Es ist Dekorationsmalerei mit gröbstem Pinsel. Nur von Weitem sollte man vorüber kommen, denn, sagt ein reisender Militär, „was dem Laienauge als gesunder Zustand dort erscheint, ist nur Tünche, welche den inneren Moder zudeckt“ – und innen ist’s fürchterlich. Da theilen sich Schmutz und Staub in die Herrschaft der Straßen, jener in der inneren Stadt, dieser in den weitläufigen Vorstädten vorwaltend.
Das Sehenswertheste von Rustschuk ist sein herrlicher Springbrunnen auf dem Marktplatze; er und die Haine und Bäder sind das Labsal der Einwohner. Die Zahl der letzteren übersteigt 30,000, wovon die Hälfte
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 234. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/242&oldid=- (Version vom 21.11.2025)