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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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Vittoria ist die Hauptstadt der baskischen Provinz Alava in Spanien, und Spanien ist Europa’s reichstes und schönstes Land – in tiefster Armuth, Ohnmacht und Verlassenheit.
Warum das?
Spanien liegt darnieder an den beiden schwersten Krankheiten der Staaten und Völker: an fürstlicher Familienpolitik und politischem Parteihaß, und gleich verderblich für Volk und Land sind die beiden Aerzte gewesen, die sich an sein Krankenlager gedrängt haben: Frankreichs Herrschsucht und Englands Habsucht. Beide schlechten Aerzte führten ihren Hader um den Kranken am Krankenbette fort und fort, und beide wechselten nur ab in dem Bemühen, die Heilkraft, die in der gesunden Natur des spanischen Volks liegt, je nach Gelegenheit und Zweckthunlichkeit, zu schwächen, irre zu leiten oder gar zu ersticken.
Es liegt dem Menschen nahe, beim Anblick eines verfallenen Gebäudes sich im Geiste ein Bild aus dessen Glanzzeit hinzustellen, oder es sich so aufzubauen, wie es seyn könnte. Dasselbe Spiel des Geistes wandelt uns an vor den großen Völkerbauten, den Staaten. Und es ist leicht gesagt, was Spanien seyn könnte. Wenn das mit allen werthvollen Gaben der Erde so wohlbedachte Land nur die Bevölkerungsdichtigkeit Preußens hätte, so müßte es auf seinen 8600 Quadratmeilen einer Nation von 30 Millionen Raum bieten, es würde zwei Meere mit den Früchten seines Bodens und seines Fleißes beherrschen und mit Wort und Schwert im Rathe der Großmächte Europa’s stehen.
Wie liegt es aber jetzt vor unseren Augen! Das Land, das schon vor fünf bis noch vor drei Jahrhunderten 21 Millionen Bewohner zählte, die der Stolz belebte, daß sie in allen Zweigen menschlicher Thätigkeit das Höchste zu leisten vermochten, daß sie nicht nur groß da standen zu Land und zur See mit den Werkzeugen und Waffen der Macht und Ehre, sondern daß Künste und Wissenschaften, Gewerbe und Handel bei ihnen blühten, daß prachtvolle Bauwerke sich auf spanischem Boden erhoben, während spanische Schiffe neue Erdtheile entdeckten und die Thore einer neuen Völkerwanderung öffneten, und daß die Paläste und Kirchen sich mit Meisterwerken der Malerei und Bildhauerei schmückten, während Dichter und Denker in den Zungen Spaniens nach dem höchsten Preis rangen, –
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 243. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/251&oldid=- (Version vom 22.11.2025)