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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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gibt jetzt „das Land des Weins und der Gesänge“ für die kaum 12 Millionen Bewohner nicht einmal Brod genug; die Prachtbauten der Vorfahren zerfallen, die edlen Künste sind ausgestorben, der Unwissenheit folgt die Armuth auf allen Wegen, wo sonst der Fleiß das Haus und die Fluren belebte; große Flächen des herrlichsten Bodens liegen verödet, die Industrie ist erlahmt, ihre nährenden Brüste, die Kolonien, sind von 310,000 Quadratmeilen mit 18 Millionen Bewohnern zusammengeschrumpft auf 5000 Quadratmeilen mit 37/10 Millionen am spanischen Staatsverband Rüttelnder; Ströme und Seehäfen verschlammen, die Flotte ist zum Wrack geworden, die Hauptstraßen sind am besten an den Räubergruppen zu erkennen, die dort ungescheut lagern, und wie der Vernachlässigung aller Kommunikationsmittel zum Hohn streckte sich lange zwischen der Hauptstadt des Reichs und dem Hauptvergnügungssitz des Hofs des Landes einziger Schienenweg aus, als ob Spaniens „schöne Tage“ mit Dampf gesucht werden sollten in den schattendunklen Lust- und Schleichwegen von Aranjuez.
Selbst der letzte Trost des Unglücklichen, die Theilnahme der Nachbarn an seinem schweren Geschick, ging für Spanien allgemach verloren. Die Völker Europa’s wurden gleichgültig gegen das Schicksal einer Nation, die in kleinlichen Parteikriegen und effektlos verklirrenden Revolutionskämpfen nur eine höhere Gattung der Stiergefechte, mit ausgesuchteren Greueln, zu erblicken, zu lieben und zu pflegen schien. Man überließ einen solchen Staat zur Beobachtung und zur Ausbeutung den Diplomaten der hohen Politik und des Geldsacks und den stets blutdürstigen Blättern der Zeitungsschreiber. Nichts half dem Lande seine Schönheit und der ewige Frühling seiner östlichen Seeprovinzen, nichts die Vortrefflichkeit seiner 1200 köstlichen Heilquellen: sie versickern unbenutzt, und unbewundert von westeuropäischen Augen verblühen die Gefilde. Die Goldmünzensaat der Lustreisenden fällt nicht auf den Boden, dessen Bewohner mit dem Charakterzeichen der „Indolenz und Raublust“ gebrandmarkt werden, ja, die man wohl gar aus den Reihen der civilisirten Nationen streicht, wie Lappen, Kroaten und Türken; und während für freiheitskämpfende Griechen, Polen, Tscherkessen etc. sich die Herzen aller Freiheitsfreunde in Europa und Amerika entflammten, nahmen an den politischen Kriegen der Spanier nur einzelne aus den Kreisen der blasirten Gesellschaft versprengte Abenteurer Theil.
Das spanische Volk verdient aber eine bessere Würdigung, sein Unglück eine mildere Beurtheilung, der Kampf um die Erlösung aus seinem Uebel eine regere Theilnahme; und dies Alles ist ihm sicher, sobald die Augen der Westeuropäer sich bemühen, den verworrenen Rinnsalen des spanischen Elends bis zu den Quellen zu folgen.
Dazu geben wir hier einen Fingerzeig, indem wir die Hauptzüge der Geschichte des Verfalls von Spaniens Volk und Land mit breiten Strichen hinwerfen.
In diesem Jahre, 1856, könnte die spanische Nation das dreihundertjährige Jubiläum feiern vom Ende ihrer Größe. Spaniens Karl I., als deutscher Kaiser Karl V. genannt, der gewaltige Herrscher, „in dessen
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 244. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/252&oldid=- (Version vom 22.11.2025)