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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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Das Land „zwischen den Strömen,“ das alte herrliche gesegnete und gepriesene Mesopotamien, das sich mit den Ufern des Indus streitet um die Priorität der Menschheits-Wiege, ist das Mumienfeld für die Städte-Riesen der alten Welt.
Wenn man den Tigris hinab gen Mossul fährt, so tritt man ein in eine weite todtenstille Ebene. Der Boden ist den größten Theil des Jahres von der Sonnengluth gedorrt; kein Baum belebt die öde Gegend, und nur selten taucht hie und da ein elendes arabisches Dorf auf. Wer ahnete, daß diese Wüste einst ein blühendes und fruchtbares Gefilde war, Jahrhunderte lang der Sitz eines mächtigen und civilisirten Volkes? Und doch, hier, in der Gegend des jetzigen Mossul, lag das alte Niniveh, die Weltstadt, größer als das heutige London, voller Leben und Thätigkeit, voller Reichthümer und Glanz, voller Luxus und Sittenlosigkeit. Hier standen in orientalischer Pracht und Ueppigkeit die Throne jener Assyrer-Könige, die über ein halbes Jahrtausend die Herrschaft über ganz Oberasien behaupteten; hier koncentrirte sich die ganze Macht ihres gewaltigen Reiches, die ganze Kultur der damaligen bekannten orientalischen Welt, von da flutheten sie westwärts nach den Küsten des mittelländischen Meeres. Seit zwei Jahrtausenden nun schon ist das Herz des Ostens in Erstarrung versunken und ein anderer ferner Welttheil ist zum Tempel geworden, der die heilige Flamme der Gesittung bewahrt, und andere Völker weben weiter am Faden der Menschengeschichte.
In der Tradition vom alten Niniveh reicht die Mythe der Geschichte die Hand; sie nennt als Gründer des Reiches und Erbauer seiner Kapitole Ninus, den gewaltigen Krieger. Mit seiner Geschichte ist die der Semiramis eng verflochten. Die Tochter einer syrischen Fischgöttin, wurde sie als neugebornes Kind ausgesetzt und von Tauben wunderbar ernährt. Von außerordentlicher Schönheit und eben so tapfer als klugen Geistes entzündete sie des großen Ninus Herz zu heftiger Liebe und erhob sich zu seiner Gemahlin. Nach seinem Tode herrschte sie über das Reich, erbaute Babylon mit überschwenglicher Pracht, unternahm gewaltige Eroberungszüge, bezwang Aegypten und Aethiopien und drang bis Kleinasien und Arabien; nur an Indien scheiterte ihre Macht. Zuletzt verschwand sie von der Erde. Dreißig Menschenalter hindurch wucherte nun asiatisches Despotenthum in dem Schooße der herrlichsten
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 257. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/265&oldid=- (Version vom 22.11.2025)