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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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Art: Festaufzüge der Könige mit ihren Hofdienern, Eunuchen, Kriegern und Priestern; namentlich aber kriegerische Scenen, Schlachten, Belagerungen und Aehnliches. Da sieht man eine belagerte Burg und den Sturmbock gegen sie in Arbeit, den man von oben mit einer Kette zu fangen, mit geschleudertem Feuer zu zerstören sucht; – dort eine Schlacht, den König im Wagen stehend und den Pfeil abdrückend, während das Zeichen der höchsten Gottheit, eine Figur im geflügelten Kreis, über ihm schwebt und gleichfalls schießt. Auf einem Bildwerke sieht man einen Mann das Sprachrohr handhaben, um Arbeitern, die einen mächtigen Tempel aufführen, Befehle zu ertheilen; ein anderes zeigt, daß man Hebel und Walze auf’s Beste zu gebrauchen verstand. Hier setzt der König über einen Fluß; er steht in seinem Wagen im Boote, während die Pferde, am Zügel gehalten, nachschwimmen. Dort geht ein Zug Krieger, welche Götterstatuen tragen, immer zu vieren einen Thron mit der stehenden oder sitzenden Figur der Gottheit. Eine der Platten zeigt sogar, der Inschrift nach, den König Sennacherib (den Sanherib der Bibel), der eben einen Bau beaufsichtigt, an dem die von ihm fortgeführten Juden mitarbeiten, deren Physiognomie auf’s Trefflichste gezeichnet ist. Die 180 Fuß lange Façade eines der Paläste schmücken zehn gigantische Stiere und sechs menschliche Kolosse. In einem anderen Gebäude stieß man auf eine Reihe kleinerer Zimmer; in ihnen befand sich das Archiv der Könige. In drei verschiedenen Sprachen abgefaßt, liegen dort die öffentlichen Urkunden auf Tafeln oder Cylindern von gebranntem Thon geschrieben: ein kostbares und vielversprechendes Material für die Geschichte, seitdem der deutsche Forschungsgeist auch die Keilschrift entziffert hat. Außer diesem finden sich Erzgefäße aller Art, Kessel, Becher, Schüsseln, Glocken, Knöpfe, Vieles kunstreich verziert mit Menschen- und Thiergestalten.
Diese Kulturreste, deren Reichthum und Mannichfaltigkeit wir hier nur andeuten können, geben ein treues Bild assyrischen Lebens, seiner Sitten, Gebräuche und Formen, und erwecken einen hohen Begriff von seinem Bildungsgrad. Es tritt ein Volk vor unsere Augen, das sich in die kunstreichen glänzenden Gewänder Babylons kleidete, dessen tägliche Geräthschaften Zierlichkeit der Formen auszeichnete, das Gemächer liebte mit glänzenden Gemälden, nicht ohne feine Zeichnung der Linien; ein Volk, das in Skulptur und Architektur einen ganz eigenthümlichen Styl besaß und das seine Tempel und Paläste mit Werken der plastischen Kunst schmückte, welche hohe künstlerische Kraft verrathen und in der Darstellung aller Gegenstände, der Menschen- und Thierformen, wie der Pflanzengestalten, von origineller Meisterschaft sind. Zwar die vollendete Schönheit der idealen Menschengestalt erreichte jene Plastik noch nicht; dieses Geheimniß blieb dem Meißelschlag des griechischen Genius aufbewahrt; aber Alles, was wir sonst von altasiatischer Kunst kennen, steht weit zurück hinter den assyrischen Schöpfungen, deren Geist und Freiheit in der Zeichnung, deren Kraft und Energie in den Formen, deren künstlerische Einsicht in die Gruppirung, mit einem Worte, deren Leben jeden sinnigen Beschauer mit Freude und Bewunderung erfüllt.
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 261. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/269&oldid=- (Version vom 22.11.2025)