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| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
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Während ihre Familie mit den Zurüstungen für die Hochzeit beschäftigt ist, stiehlt sich Wee-no-nah aus dem Lager und ersteigt auf schmalem Fußsteig den großen Felsen am See. Plötzlich erscheint sie auf der Spitze. Mit der Stimme der Verzweiflung redet sie zu Vater, Mutter und Brüdern auf der Ebene drunten. Sie macht ihnen Vorwürfe über ihr grausames Verfahren gegen sie und ihren Geliebten, beschuldigt sie des Trugs und der Falschheit und erklärt, sie werde nun alle ihre schmachvollen Absichten zu Schanden machen. Erschreckt stürzen Brüder und Verwandte aus dem Lager, klimmen an dem steilen Abhang empor, über dem sie steht; die Mutter sinkt in die brechenden Kniee und der Vater gelobt feierlich, ihr keinen Zwang mehr anzuthun. Der harte Krieger, Muck-wah der Bär, bleibt allein ungerührt. Sein kalter Blick ist auf das Mädchen gerichtet; er erwartet mit grausamer Gleichgültigkeit den entsetzlichen Sprung. Jetzt stimmt Wee-no-nah das Todtenlied an. Der Hauch der Luft trägt die Worte hinab zu ihren Verwandten, die sich abmühen, die jähe Felsenmauer zu ersteigen. Man ruft, man bittet, man weint und jammert zu ihr – umsonst. Ihr Entschluß steht fest; wie die letzten Worte des Gesanges verklungen sind und eben die Männer den Gipfel des Felsens erreicht haben und die Arme nach ihr ausstrecken – da vollbringt sie den entsetzlichen Sprung und liegt, ein verstümmelter Leichnam, zu des Vaters Füßen.
Jahre gingen hin, Jahre voller Mühen und Abenteuer für Te-os-ca-te, und die schöne Gestalt des Jünglings hatte sich verwandelt in die rauhe, verwetterte eines kräftigen Mannes. Der Verbannte kehrt heim in sein heimathliches Dorf, er erfährt das wehevolle Geschick seiner Geliebten, und nur noch ein Gedanke, die Rache, lebt fortan in der starken Seele des Indianers.
Eines Abends um jene Zeit war Wee-no-nah’s Vater auf die Jagd gegangen und nicht heimgekehrt. Nach wenigen Tagen fand man seinen Körper, durchbohrt von einem Pfeil und das Bild eines lauernden Panthers auf seine nackte Brust gezeichnet. Er lag mit aufgerichtetem Haupte, der Körper wider einen Baum gelehnt; der Schädel unberührt. Daran ward’s klar: der lauernde Panther hatte einen Feind gefällt.
Wenige Wochen später traf ein schwirrender Pfeil das Herz eines Bruders von Wee-no-nah, als er durch ein Gebüsch, ganz in der Nähe des Dorfes, ging, und zur Bestürzung der Einwohner sah man einen fremden schwarz bemalten Krieger, in der Tracht der Chippeways, aus dem Dickicht entspringen und über die Prärie davon jagen. Verfolgung war unmöglich; er war den schnellsten Läufern zu schnell. Das entsetzliche Geheimniß kam damals an den Tag. Te-os-ca-te, der Dakotah-Indianer, so erfuhr man, befand sich unter den Chippeways, er war ihr Todfeind geworden.
Nicht 4 Jahre verstrichen, als auf gleiche Weise alle Verwandte Wee-no-nahs, die ehedem gegen sie gehandelt hatten, hinweggetilgt waren. Eine unsichtbare Hand streckte sie zu Boden. Keinen fand man skalpirt – aber das Bild des lauernden Panthers kennzeichnete unausgesetzt die Leichen der Erschlagenen.
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 266. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/274&oldid=- (Version vom 22.11.2025)